Wirtschaft : Rentenreform: Die private Vorsorge geht nicht weit genug

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Riesters Rentenreform findet unter internationalen Rentenexperten weitgehend Beifall, vielen geht die Reform aber nicht weit genug: "Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, die Frage ist nur, ob er ausreicht", sagte Joseph Stiglitz, Professor in Stanford und früherer Chef-Ökonom der Weltbank, am Rande einer internationalen Tagung zum Thema Rentenreform und Arbeitsmärkte in Berlin. "Es sei in jedem Fall zu begrüßen, wenn in Deutschland jetzt die gesetzliche umlagefinanzierte Rente durch eine private gesetzlich geförderte kapitalgedeckte Rente ergänzt würde", sagte auch Klaus F. Zimmermann, der als Präsident des Instituts der Zukunft der Arbeit in Bonn die internationale Fachwelt nach Berlin eingeladen hatte. Allerdings gehe ihm wie vielen anderen Wissenschaftlern die Reform nicht weit genug.

"Was hier passiert ist, ist lächerlich wenig", sagte etwa Franco Modigliani, Nobelpreisträger am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Auch nach Ansicht Friedrich Breyers von der Universität Konstanz hätte die Rentenreform dafür sorgen müssen, das die Betroffenen später weit weniger aus der gesetzlich umlagefinanzierten und mehr aus einem kapitalgedeckten System bekommen. Die Rentenkassen würden dadurch zu wenig entlastet. Wenn man die Beiträge tatsächlich bis 2030 bei 22 Prozent stabil halten wolle, werde deshalb schon in wenigen Jahren eine weitere Rentenreform notwendig, hieß es. Dies gelte umso mehr, da die aktuelle Riester-Reform von positiven Prämissen - wie etwa einer relativ hohen Zuwanderung - ausgehe.

Um die Rentenversicherung auf ein langfristig stabiles Fundament zu stellen, muss nach Ansicht der Wissenschaftler auch das Thema Frühverrentung neu diskutiert werden. "In den vergangenen Jahren waren die Anreize für die Frühverrentung zu groß", sagte Zimmermann. Dies hätte die gesetzliche Rentenversicherung zu sehr belastet. Die Wissenschaftler plädierten deshalb dafür, die Rentenabschläge bei einer Frühverrentung zu erhöhen oder sogar das Renteneintrittsalter per Gesetz zu erhöhen. Ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren dürfe kein Tabu sein, hieß es.

Nachbesserungsbedarf gibt es nach Ansicht mancher Wissenschaftler auch bei der freiwilligen privaten Vorsorge. "Ich bin skeptisch, ob es bei der privaten Vorsorge tatsächlich ohne Sparzwang geht", sagte Zimmermann am Rande der Konferenz. Viele Wissenschaftler - besonders aus den USA - begrüßten dagegen die Freiwilligkeit und die Tatsache, dass besonders einkommensschwache Bürger durch Zulagen gefördert würden. "Das ist besonders für uns Amerikaner interessant. Hier können wir für unserer eigenes System etwas mitnehmen", sagte Stiglitz.

Stiglitz machte aber auch auf die Gefahren aufmerksam, die der Rentenversicherung bei einem Systemwechsel hin zu mehr privater Vorsorge drohten. Viele Bürger seien sehr wenig informiert. "In USA kennen viele nicht einmal den Unterschied zwischen Anleihen und Aktien", sagte er. Deshalb sei es wichtig, dass der Staat für funktionsfähige Aufsichtsbehörden sorge. Sie sollten verhindern, dass die Verbraucher übervorteilt würden. Sie sollten außerdem darauf achten, dass die Renditen der privaten Fonds nicht durch zu hohe Verwaltungskosten aufgefressen würden.

Wie interessant ein langfristiger Systemwechsel weg von einer umlagefinanzierten Rentenversicherung, über ein Mischsystem bis hin zu einer reinen kapitalgedeckten Altersvorsorge sein kann, machte Modigliani deutlich: In den USA würde eine reine kapitalgedeckte Rentenversicherung von den Bürgern im Jahre 2050 nur sechs bis sieben Prozent des Lohnes als Beiträge für die Rentenversicherung nötig machen. Bliebe aber alles beim alten müssten die Bürger 20 Prozent bezahlen. Dabei müssten die Beiträge für die Altersvorsorge in der vieldiskutierten Übergangsphase nicht einmal steigen, wenn der Staat die zusätzlichen Kosten übernähme. Hilfreich sei natürlich, wenn - wie in den USA - das Land einen Haushaltsüberschuss ausweisen könnte, oder wie im Fall Chiles, Privatisierungserlöse die Rentenversicherung absicherten.

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