Wirtschaft : Ressourcenknappheit produziert neue Denkansätze

PETER BOLM

Wasser ist Leben, aber nicht für alle / Berliner Kongreß sucht nach AntwortenVON PETER BOLM BERLIN.Die Firmenphilosophie des international tätigen Dienstleisters Suez Lyonnaise des Eaux ist recht simpel: "Weltweit denken, regional handeln".Dahinter jedoch verbirgt sich die Erfahrung eines Globel-Players, der sich mit zuletzt 56 Mrd.DM Jahresumsatz in über 100 Ländern zum Marktführer für Wasseraufbereitung und Wasserentsorgung an die Spitze der Branche geboxt hat.Weltweit muß heute ein Konzern denken wenn er 190 000 Beschäftigte in Lohn und Brot hält, gleichzeitig das nötige Kapital für Forschung und Entwicklung verdienen muß und wenn er darüber hinaus nur in der Größe eine Chance sieht, sich der Konkurrenz zu erwehren.Regional muß sich das Unternehmen einschalten, wenn es die Probleme dort lösen will, wo sie entstehen. Auf einem Kongreß Mitte letzter Woche in Berlin zum Thema "Wasser ist Leben" wies der inzwischen zum Umweltspezialisten der UNO aufgerückte Bonner Ex-Minister Klaus Töpfer mit besonderem Nachdruck auf die lokale Bedeutung des Themas hin.Wenn bereits in den nächsten dreißig Jahren zwei von drei Menschen auf der Welt unter Wassermangel leiden, dann ist das nicht zuletzt die Folge mangelhafter Strukturen vor Ort.Jérôme Monod, Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns, unterstützte Töpfers These mit dem Hinweis, daß alte und ungeeignete Infrastrukturen die Synonyme für eine beschädigte Umwelt sind.Die meisten Länder der Dritten Welt, die sich ernste Gedanken über ihre künftige Wasserversorgung machen müssen, hatten vor der Begegnung mit den europäischen Kolonialmächten keinerlei Wasserprobleme.Heute ist Wasser beispielsweise in Afrika oder im mittleren Orient rationiert, verschmutzt und in den Auswirkungen fehlender Infrastrukturmaßnahmen zum Zeichen für Armut und Unterentwicklung geworden. Eines der großen Probleme - insbesondere der rund 300 weltweit verstreuten Wassereinzugsgebiete, das zwei oder mehrere Staatsgrenzen überschreitet - sind die Einleitung von Fremdstoffen oder die unkontrollierte Wasserentnahme.Gibt es keine verbindlichen Verträge und Absprachen zum Beispiel über die Nutzung von Ober- und Unterläufen großer Flüsse, sind Konfrontationen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen nicht auszuschließen.Töpfer nennt diese Situation eine Konfliktgröße mit Zukunftsdimension.Hier wird im nächsten Jahrhundert die internationale Friedens- und Umweltpolitik einem ihrer größten Einsatzfelder begegnen. Der sparsame Umgang mit Wasser ist nur eine der Antworten, die Lösungen versprechen.Die Appelle richten sich in erster Linie an die westlichen Industriestaaten.Industrieller Fortschritt und der sorglose Umgang mit Wasser im sanitären Bereich haben dazu geführt, daß sich der Verbrauch alle zwanzig Jahre verdoppelt.Noch immer fließt das Wasser in unseren Leitungen ungebremst und scheinbar grenzenlos; Ausdruck einer falsch verstandenen kulturellen Identität.Pro Kopf stieg der Jahresverbrauch in Deutschland auf 2400 Kubikmeter.Trotz der rasanten Steigerungsraten blieb Nachhaltigkeit bis heute ein Fremdwort.In weniger wasserreichen Regionen liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei durchschnittlich 500 Kubikmetern.So lange wir unsere Fäkalien, Schlämme und Industrieabfälle noch mit Hilfe des Wassers entsorgen, bleiben Sparappelle nur Worthülsen.Gefragt sind Technologien und Konzepte, die weniger der Qualität des Wassers entsprechen, dafür aber geeignet sind, den Verbrauch zu drosseln.Töpfer setzt hierbei auf das marktwirtschaftlich bewährte Modell des Public Private Partnership, um kommunales Engagement mit privater Investitionsbereitschaft zu verbinden. Gesucht werden Unternehmen, die das gesamte Know how in ihrer Produktpalette führen.Die Fachwelt versteht darunter, Dienstleister, die im Zuge einer Generalbereinigung auch über Instrumente verfügen, die ein Kosten- und Preismanagement beinhalten.Die beste Kläranlage taugt nicht viel, wenn ihre Wirtschaftlichkeit an einen möglichst hohen Verbrauch gebunden ist.Wie der leichtfertige Umgang mit der Ressource Energie wird auf Dauer auch die Verschwendung von Wasser nur aufzuhalten sein, wenn durch den Preis Grenzen gesetzt werden.Darüber gibt es in der Branche keinen Streit.Um dabei Wettbewerbsnachteile in einzelnen Regionen zu vermeiden, werden sich höhere Abgaben allerdings nur im größeren Verbund, etwa innerhalb der europäischen Union, durchsetzen lassen.Jahr für Jahr wächst die Weltbevölkerung - unabhängig von den jeweiligen regional vorhandenen Wasservorräten - um 80 Mill.Menschen.Je höher der soziale und gesellschaftliche Standard, je niedriger die Bevölkerungszunahme.Wasser spielt eine nicht geringe Rolle, wenn über sozialen Fortschritt in der Welt diskutiert wird.Zur Zeit noch ohne ausreichendes Problembewußtsein, wird sich innerhalb der globalen Konfliktlinien zwischen Nord- und Südhalbkugel der wasserreichere Norden dauerhaft dem Problem in anderen Regionen der Welt nicht entziehen können.Voraussetzung für richtig verstandene Solidarität und eine konstruktive Zusammenarbeit, die nicht zuletzt den Export entsprechender Dienstleistungen zum Ziel hat, ist die Problembereinigung im eigenen Haus.Dabei werden sich die Menschen auch im wasserreichen Norden künftig von der verbraucherfreundlichen Haltung verabschieden müssen, ohne nachhaltige Politik bei einer Nutzung der Ressource Wasser von bisher weit über 100 Prozent nur von der Substanz zu leben. Berlin - eines der wenigen guten Beispiele mit rückläufigem Verbrauch - hat sich in Sachen Wasser einiges vorgenommen.Wie Jérôme Monod für die Suez Lyonnaise des Eaux erklärte, werde sein Konzern die deutsche Hauptstadt bis zum Jahr 2000 zum Wasser- und Kompetenzzentrum für Mittel- und Osteuropa ausbauen.Neben Paris wird Berlin das kräftigste Standbein des Konzerns in Europa.Monod versprach, die Stadt in den internationalen Forschungsverbund des Konzerns aufzunehmen.Das Budget für Wasser von jährlich rund 100 Mill.DM gilt als das größte private Forschungsprogramm der Welt.

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