Wirtschaft : Rettungsmanöver für den "kleinen Fall Vulkan"

ANDREAS FROST[BOIZENBURG]

Die Überlebenschancen der Elbewerft Boizenburg sind gering / Landesregierung will für Kredite bürgen / Forderungen an die BvSVON ANDREAS FROST, BOIZENBURG

Nur kurze Zeit hat sich die CDU/SPD-Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern geziert.Am Freitag schließlich erklärte sie sich doch bereit, der Elbewerft Boizenburg GmbH, die Anfang der Woche Gesamtvollstreckung beantragen mußte, noch einmal Anschubhilfe zu gewähren.Das Land werde für neue Kredite der Werft zur Bauzeitzwischenfinanzierung mit bis zu 80 Prozent bürgen ­ unter der Voraussetzung daß eine Bank die Finanzierung übernehme, erklärte Wirtschaftsminister Jürgen Seidel.Ob dies gelingt, ist noch offen, denn zuletzt hatten sich die Kreditinstitute zugeknöpft gezeigt.In Boizenburg stehen noch immer rund 300 Arbeitsplätze und ein 204 Jahre alter Traditionsbetrieb auf der Kippe. 25 Mill.DM Schulden lasten auf der Werft.Erst im März hatte das Land mit 8 Mill.DM ausgeholfen.Bereits zwei Monate später konnte der geschäftsführende Gesellschafter Eckart Knoth die Löhne nicht mehr bezahlen.Das Land, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) und der Sequester ringen nun um eine Auffanglösung.Vorerst wird ­ trotz der beantragten Gesamtvollstreckung ­ auf der Werft weitergearbeitet.Die bestehenden Aufträge sollen erfüllt werden.Die Belegschaft fordert vor allem Hilfe von der Treuhandnachfolgerin BvS: Sie, so der Vorwurf des Betriebsrates, habe den ersten privaten Eigentümer der Werft nach der Wende, den Bremerhavener Unternehmer Dieter Petram, nicht ausreichend kontrolliert.Petram hatte die Elbe-Werft 1993 von der Treuhand übernommen und angeblich rund 270 Mill.DM an Sanierungshilfen erhalten.Etwa 2,6 Mill.DM soll Petram nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Horst Troschke aus dem Betrieb abgezogen haben.Der SPD-Landtagsabgeordnete Till Backhaus spricht sogar von einem "kleinen Fall Vulkan".Davon will Wirtschaftsminister Seidel noch nichts wissen."Wir haben die BvS gebeten, das zu prüfen." Das angeblich fehlende Geld würde auch das Minus von 25 Mill.DM nicht erklären. Der Ex-Vulkan-Manager Knoth hatte im vergangenen Herbst die Elbe-Werft für eine Mark von Petram übernommen.Seine größten Probleme sind der ungünstige Standort am Mittellauf der Elbe und vor allem fehlende Bauzeitfinanzierungen.Da die Reeder bestellte Schiffe erst bei der Abnahme bezahlen, brauchte die Werft eine Hausbank, die Knoth allerdings nicht fand.Das Land konnte und wollte darum auch nicht bürgen. Die Europäische Union hat Mecklenburg-Vorpommern sowieso im Visier.Nach der Pleite des Bremer Vulkan und den dabei verschwunden Fördergeldern genehmigte sie schließlich nur mit Zähneknirschen ein zweites Mal Subventionen in Höhe von 1 Mrd.DM für die Werften in Wismar und Stralsund.Außerdem deutete Wirtschaftsminister Seidel an, daß nur dauerhafte Landeshilfen die Werft nach dem Rückzug der Banken am Leben erhalten könnten.Auch eine Übernahme der Elbe-Werft in die Ostseebeteiligungsgesellschaft (OBG), der Dachgesellschaft für die ehemaligen Vulkan-Werften in Wismar und Stralsund, lehnte er ab.Für den neuen Sonderbeauftragten der Bundesregierung für den Aufbau Ost, Rudi Geil, ­ bis Mitte Mai Innenminister in Schwerin ­ könnte der Fall der Elbe-Werft zur ersten Bewährungsprobe werden.Für das Städtchen Boizenburg unweit der Grenze zu Niedersachsen wäre der Untergang der Elbe-Werft verheerend: Erst im März hatte das dortige Fliesenwerk geschlossen.

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