Wirtschaft : Revanche für die Niederlage von 2007 Die Bewerbung für das Gemeinschaftsgutachten

Berlin - Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte die Finanzaffäre das DIW kaum treffen können. Die Bundesregierung vergibt in diesen Wochen den wichtigen Auftrag um die Frühjahrs- und Herbstgutachten. Dabei geht es nicht nur um viel Geld, sondern mindestens ebenso sehr ums Prestige. 2007 war das DIW von der Bundesregierung nicht mehr in den Kreis der Konjunkturexperten berufen worden; das schädigt den Ruf des Hauses bis heute.

Eine Vorentscheidung fällt am morgigen Montag: Dann wird das Ministerium von Rainer Brüderle (FDP) bekannt geben, welche Institute ein Angebot für die Gemeinschaftsdiagnose abgeben dürfen. Sieben Arbeitsgemeinschaften aus zumeist mehreren Instituten haben sich beworben, sechs dürfen ein Angebot abgeben, maximal vier werden am Ende ausgewählt. Die Chancen des DIW sind nicht sehr groß. Das liegt zum einen an der Personaldecke. Vier Prognostiker haben das Institut in den vergangenen Wochen verlassen. Zwar beteuert Klaus Zimmermann, dass man dennoch genügend Leute habe. Trotzdem suchte sich das DIW externe Verstärkung mit dem Center for European Policy Studies in Brüssel und DB Research, dem Institut der Deutschen Bank.

Gerade diese Partnerwahl sei eine Hypothek, finden DIW-Konkurrenten. „Man stelle sich vor, wir schreiben in einem Gutachten, dass eine Bankersteuer Unsinn ist – das wird man kaum verwunderlich finden, weil ja DB Research mit an Bord ist“, sagt ein Wissenschaftler. DIW-Konjunkturchef Christian Dreger hält dagegen die Wahl von DB Research für einen Coup. Bislang hätten die Konjunkturforscher die Finanzmärkte „weitgehend vernachlässigt“, das hätten die Fehlprognosen zur Finanzkrise gezeigt. Nun habe man Fachleute an Bord, mit denen man die Wechselwirkung zwischen Finanzturbulenzen und Wirtschaftsentwicklung analysieren könne.

Die Konkurrenz ist stark: Das Kieler Institut für Weltwirtschaft gilt als gesetzt, ebenso das IWH aus Halle. Auch am wiedererstarkten Ifo-Institut aus München dürfte Minister Brüderle kaum vorbeikommen, ebenso wenig am Essener RWI. Die Berliner wollen unbedingt die Scharte von 2007 auswetzen. Bei der ersten Ausschreibung überhaupt nach Jahrzehnten fanden sie keine Berücksichtigung. Über die Ursachen gehen die Angaben auseinander: Das DIW sei zu teuer gewesen, hieß es aus Regierungskreisen, von einer „linkskeynesianische Kampagne“ sprach dagegen Zimmermann. Eine erneute Niederlage wäre bitter. Aber für die Konkurrenz ist das Rennen offen. „Ich würde das DIW nicht abschreiben“, mahnt ein führender Ökonom. „Die haben immer noch viele gute Leute.“ brö

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