Revolution oder Humbug : Koteletts zum Ausdrucken

3-D-Drucker können Alltagsgegenstände herstellen. Bald sollen sie gar Lebensmittel drucken können. Skeptiker halten das für Spinnerei. Andere hingegen glauben an eine neue industrielle Revolution.

Markus Fischer
Plaste und Elaste - die Kunststoffprodukte aus dem 3-D-Drucker sehen ein wenig gewöhnungsbedürftig aus. Foto: dapd
Plaste und Elaste - die Kunststoffprodukte aus dem 3-D-Drucker sehen ein wenig gewöhnungsbedürftig aus.Foto: dapd

Es ist der 3. Oktober 2032 morgens um zehn Uhr. Kaffeeduft in der Küche, man setzt sich. Dann fällt auf: Es ist Feiertag und keiner hat daran gedacht, Eier zu kaufen. Aber der Ärger währt nur kurz, denn einen Moment später erscheint auf dem Laptop die Internetseite des Supermarkts. Dann noch den Küchendrucker anschalten, der die Mikrowelle ersetzt hat. Ein Klick auf „Drucken“, und mit einem leisen Surren setzt sich der Druckkopf des Küchendruckers in Bewegung. Die Eiweißmoleküle werden herausgepresst und langsam, Schicht um Schicht, baut der Drucker die Schale, Eiweiß und Eigelb. Nach ein paar Minuten ist das Ei fertig und kann gegessen werden. Das Frühstück ist gerettet.

So könnte die Zukunft aussehen, wenn sich das sogenannte „Bioprinting“ im Alltag durchsetzt. In den USA haben Mitarbeiter des Biotechnolgie-Start-ups Modern Meadow angeblich bereits ein Schweinekotelett ausgedruckt, gebraten und gegessen. Das künstliche Stück Fleisch besteht aus Schweinezellen aus der Petrischale, die Muskelfleisch formen, wenn sie richtig zusammengesetzt werden. Bioprinting soll die Ökobilanz der Fleischesser aufbessern: Das entstandene Kotelett hat weder Unmengen an Weidefläche verbraucht noch wurde ein Tier auf engstem Raum in Industrie-Ställen gehalten.

„Das ist ein Werbe-Gag“, sagt Zukunftsforscher Robert Glaßner vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung aus Berlin. Er ist skeptisch, ob Bioprinting den Lebensmittelbereich in der Masse revolutionieren könnte. „In einem Bioreaktor Tonnen von Tierzellen zu produzieren und zu ernähren, ist schwierig“, sagt Glaßner. Zudem fielen Unmengen von Abfallprodukten an, die entsorgt werden müssten. Glaßner hält den Ansatz in der Lebensmittelproduktion nicht für wirtschaftlich. Bioprinting sei in naher Zukunft eher in Spezialbereichen wie der Medizin relevant. Seit der japanische Mediziner Makoto Nakamura vor knapp zehn Jahren feststellte, dass die Tröpfchen von Tintenstrahldruckern dieselbe Größe wie menschliche Zellen haben, träumt die Wissenschaft davon, dass man mithilfe von Stammzellen menschliche Ersatzorgane quasi ausdrucken kann.

Während Ersatzorgane und gedrucktes Essen doch noch eher Science-Fiction sind, begeistern 3-D-Drucker immer mehr ambitionierte Hobbybastler. Sie drucken Schmuckstücke, Spielzeuge oder Modelle aus Kunststoff. Inzwischen kosten Heimdrucker, die selbst zusammengebaut werden müssen, weniger als 1000 Euro – mit ihnen kann man aber nur wenige Zentimeter große Objekte drucken.

Die 3-D-Drucker ähneln vom Prinzip her den herkömmlichen Druckern: In der günstigeren Variante werden aus Druckerpatronen Kunststofftröpfchen gepresst, ein Metallarm fährt dazu über eine Platte und druckt das Objekt mikrometergenau Schicht für Schicht aus. Der Prozess kann mehrere Stunden dauern. Teurere Varianten können mehr: Hier wird durch eine bewegliche Leiste ein Polymer-Gips, der an Mehl erinnert, von einer Wanne in eine andere geschoben. Dort verklebt dann ein weiterer Metallarm, an dem eine Druckerpatrone befestigt ist, das Material und kann es auch mit Farbe versehen. Wird statt dem Gips ein Metallpulver verwendet, braucht man ein noch teureres Gerät, dass mithilfe eines Lasers das Material in Form bringt.

Chris Anderson, Chefredakteur der amerikanischen Technologiezeitschrift „Wired Magazine“ und Autor des Buches „Makers – The New Industrial Revolution“, prognostiziert, dass 3-D-Drucker in naher Zukunft in jedem Haushalt zu finden sein werden. In Zukunft könne deshalb die Warenproduktion von Asien wieder in den Westen zurückkehren, denn man brauche kein Heer von billigen Arbeitern mehr, sondern Designer. In das gleiche Horn stößt die US-amerikanische Denkfabrik Atlantic Council – sie sieht durch 3-D-Drucker eine zweite industrielle Revolution heraufziehen.

ALLES AUS EINEM. Foto: dapd
ALLES AUS EINEM.Foto: dapd

Es werde so bald keine 3-D-Drucker für zu Hause geben, sagt dagegen Bernhard Voslamber vom Berliner 3-D-Modelle-Drucker Object-Plot, das sei noch etwas für Freaks. Mit den billigsten Druckern, die für Hobbybastler produziert würden, könne man ohnehin nichts Sinnvolles drucken. Hinzu komme, dass der Heimanwender in der Lage sein muss, mit einem 3-D-Programm am Computer eine Vorlage für den Drucker zu erstellen, die dieser dann auch ausdrucken kann. „Es ist naiv zu glauben, der 3-D-Drucker sei ein Massenprodukt“, sagt Voslamber entschieden, weder für zu Hause noch in der Wirtschaft. „Wir werden nicht erleben, dass plötzlich nur noch 3-D-Drucker zur industriellen Produktion eingesetzt werden, um Werkzeuge oder Ersatzteile herzustellen, der herkömmliche Spritzguss ist viel günstiger und schneller.“ Für den professionellen Einsatz kann das Material für den Druck einige hundert bis tausend Euro kosten. Der Hobbydrucker zahlt für ein Kilo PLA knapp 30 Euro.

Häufig verwendete Kunststoffe für den 3-D-Druck sind Polylactide (PLA), sie werden aus Milchsäure hergestellt. PLA wird auch bei Prothesen oder Verhütungsmitteln benutzt, weil sie keine giftigen Abbauprodukte enthalten. Einer ihrer Grundstoffe ist Milchsäure, die zum Beispiel durch die Vergärung von Milch oder Molke gewonnen werden kann.

Die Nachfrage nach Biokunststoffen wie PLA ist bislang gering: Knapp 1,1 Million Tonnen wurden 2011 weltweit produziert, sagt der Branchenverband European Bioplastics, gegenüber etwa einer Million im Jahr 2010. Mehr als ein Drittel der weltweiten PLA-Produktion findet in Asien statt, was an der These von der industriellen Revolution, welche die Arbeit wieder zurück in den Westen bringt, zweifeln lässt. Vielmehr bleibt alles beim Alten: Die Geräte stehen hierzulande und die Rohstoffe kommen aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

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