Wirtschaft : Rezession in USA?: Warum Ray Modrack sich vorerst keinen neuen Ford leistet

Jonathan Eig

Ein paar Stunden vor Schichtbeginn schaut Ray Modrack bei seinem Ford-Händler vorbei, um einen Blick auf einen glänzenden Ecoliner-Van zu werfen. Modrack arbeitet in einem Lager für Autozubehör und verdiente im vergangenen Jahr umgerechnet 73 863,87 Mark. In letzter Zeit denkt er daran, sich von seinem Ford Pickup Baujahr 1996 zu trennen und auf einen praktischen Van umzusteigen, mit geringerem Verbrauch und Platz zum Übernachten auf seinen Angeltouren. Er könnte sich das neue Auto durchaus leisten, aber etwas hält ihn trotzdem vom Kauf zurück.

"Ich beobachte die Wirtschaft sehr genau, bevor ich mich entscheide", sagt der 59-Jährige, als er im Verkaufsraum von Barber Ford seinen Kaffee trinkt. Betrachtet durch die gut gereinigten Scheiben des Autohauses, erscheint der Zustand der US-Wirtschaft tatsächlich heikel. Vorsicht macht sich in der kleinen Stadt breit. Bereits seit Monaten warnen Ökonomen und Politiker, dass das Land in eine Rezession driften könne. Schwache Umsätze im Einzelhandel, ein harter Winter, steigende Energiepreise und schwindendes Vertrauen der Konsumenten haben den Produzenten schwer zugesetzt und die Wirtschaft deutlich gebremst. Anfang des Monats beobachtete die Universität Michigan beim Indikator für das Konsumenten-Vertrauen einen Verlust von 98,4 auf 93,6 im Vergleich zum Vormonat. Dieser ungewöhnlich starke Abfall deutet darauf hin, dass sich der Vertrauensverlust schnell einstellt und unbewusst bereits das Verhalten der Menschen mitbestimmt.

Zwar haben alle Angestellten bei Barber Ford ihre Arbeit bisher behalten und geben weiter Geld aus. Aber Vorsicht breitet sich selbst hier aus. Eine Kundin, die sich nach einem Sportwagen umsieht, sorgt sich: In ihrer Kirche sind die Spenden zurückgegangen. Der Autoverkäufer Matt Terpstra stellt fest, dass der Anteil der Besucher gegenüber dem der Käufer deutlich zunimmt. Dies könnte für den 21-Jährigen schwere Einschnitte beim Einkommen nach sich ziehen.

An diesem kalten Wintermorgen betritt Ray Modrack die Verkaufsräume des Ford-Händlers. Der Ecoline-Van ist ein Vorjahresmodell und kostet 21 000 Dollar. Modrack würde es gern kaufen, doch das vage Gefühl, dass sich die Wirtschaft abkühlt, hält ihn davon ab. Modrack erklärt dem Verkäufer, dass seine Beiträge für die Krankenversicherung zur gleichen Zeit angehoben wurden, als sein Arbeitgeber die Überstundenvergütung abschaffte und dass einige Hersteller in der Stadt ihren Angestellten unbezahlten Urlaub angeboten haben.

Der Verkäufer Peter Shearer fühlt, dass ein Abschluss heute nicht in Frage kommt. Der unsichere Verlauf der Präsidentschaftswahl und die schlechten Umsätze im Weihnachtsgeschäft hätten die Verbraucher reizbar gemacht. Und dennoch: "Hier in der Stadt sind wir wirklich gesegnet", sagt Shearer. "Wir werden gut bezahlt und geben das Geld aus." Tatsächlich kennt die Stadt kaum Arbeitslose. Neben KfZ-Zulieferern sorgen große Möbelhersteller für ein durchschnittliches Familieneinkommen von 56 000 Dollar. Viele Kunden bezahlen ihre Autos in bar oder leisten große Anzahlungen. "Man muss das Konsumverhalten kennen", sagt die Chef-Ökonomin der Bank One Corp, Diane Swonk. "Hast du Arbeit? Hat dein Nachbar Arbeit? Hast du Geld im Portemonnaie? Solange dies der Fall ist, gibt man Geld aus." Diese Merkmale sind in der Stadt genauso vorhanden wie in weiten Teilen des Landes. Hieraus zieht Frau Swonk als eine der wenigen Ökonomen auch den Schluss, dass die derzeitige Abschwächung nicht zwingend in eine Rezession münden wird. Viele große Händler vermelden in diesem Monat stärkere Umsätze als erwartet und auch die Anträge für Hypothekendarlehen sowie die Eigenheimkäufe haben sich wieder erholt.

Wenn die Konsumenten erst begreifen, dass die Abkühlung nicht zum Zusammenbruch führen wird, werden sie wieder Geld ausgeben, meint Swonk. Auch in der Service-Abteilung von Barber Ford werden Fragen wie diese diskutiert. Der Monteur Bob Wright spricht aus eigener Erfahrung: Nachdem er seine Ersparnisse über acht Jahre in Aktien investiert hat, hatte er im letzten Jahr die ersten schweren Verluste zu verkraften. Er und seine Frau haben den seit zehn Jahren geplanten Australien-Urlaub abgesagt.

Die Inhaber von Barber Ford, Ed Bosch und Doug Wierda, verweisen auf bereits durchlebte Rezessionen, die nicht zuletzt durch den Verkauf von Gebrauchtwagen überstanden wurden. Doch sie sorgen sich um die 58 Angestellten, von denen viele so jung sind, dass sie eine Rezession noch nicht kennen. Viele von ihnen werden es schwer haben, ihre in den neunziger Jahren angesammelten Verbindlichkeiten bei sinkenden Einkommen zu verkraften. Früher als sonst springen die Verkäufer heutzutage auf, wenn ein Kunde das Geschäft betritt. Denn die Kauflust habe auch in ihrer Stadt nachgelassen.

Das sei aber nur vorübergehend, meinen Bosch und Wierda. Die Leute würden abwarten, ob George W. Bush seine versprochenen Steuersenkungen vorantreibt und ob die Unternehmen zu Kündigungen greifen werden. "Ich werde warten und darüber nachdenken", sagt Modrack dem Verkäufer, bevor er den Verkaufsraum verlässt. Dieser zeigt Verständnis und fühlt, dass Herr Modrack bereits in den nächsten Tagen wiederkommen wird.

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