Wirtschaft : „Riester-Vorsorge nur freiwillig“ Experte: Werbung statt Zwang

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Herr BörschSupan, die Politiker wollen die Frührente abschaffen, die Lebensarbeitszeit verlängern und die Rentenbeiträge anheben. Kann man so das System retten?

Man muss stärker auf die Ursache der Rentenprobleme schauen. Das ist die schnelle Folge von Babyboom und Pillenknick: Es gibt nicht genug Beitragszahler, die die Renten der einstigen Babyboomer bezahlen können. Deshalb muss diese Generation einen Teil ihrer Altersversorgung selber zahlen – die Riester-Rente war ein Anfang, muss aber ausgebaut werden. Zudem steigt die Lebenserwartung pro Generation um vier Jahre. Für diese zusätzliche Zeit in den vierzig Arbeitsjahren zuvor vorzusorgen, gelingt nicht jedem. Deshalb muss die Lebensarbeitszeit steigen.

Ist die Riester-Zwangsrente unausweichlich?

Nur Geduld. Erst wenn die Zahl der abgeschlossenen Riester-Verträge in den kommenden Jahren nicht steigt, könnte man darüber nachdenken. Eine Zwangsrente wäre ökonomisch falsch, denn sie würde wie eine Steuer wirken. Besser ist es, wenn die Bürger frei wählen können, in welchem Umfang sie vorsorgen. Dafür muss der Staat werben. Und er muss die Vorsorge transparenter und einfacher machen. Hilfreich wäre ein Standardprodukt, das die Leute ohne Vorkenntnisse verstehen. Wichtig wäre, Riester-Verträge an Betriebsrenten koppeln zu können.

Ulla Schmidt hat versprochen, die Beiträge bei 19,1 Prozent einzufrieren. Ist das realistisch?

Man sollte sie beim Wort nehmen. Das heißt natürlich, dass man die Leistungen herunterfahren muss. Die Regierung muss sich für stabile Beiträge oder für ein stabiles Rentenniveau entscheiden – beides funktioniert angesichts der Demographie nicht.

Welchen Beitrag werden die Unternehmen denn noch zum Rentensystem leisten, wenn jedermann selbst vorsorgen muss?

Schon heute zahlen die Beschäftigten ihre Sozialbeiträge faktisch selbst, der Arbeitgeber zahlt sie ihnen nur nicht aus. Gleichwohl sind die Firmen in der Pflicht: Sie müssen mehr Ältere beschäftigen und weiterbilden. Gerade heute, wo im Arbeitsalltag Wissen, Information und soziale Kompetenz mehr zählen als Körperkraft, sind auch Menschen über 55 Jahre noch produktiv. Die Firmen dürfen auf ihr Potenzial nicht verzichten.

Die Gewerkschaften werden von Ihren Ideen nicht begeistert sein, wenn Sie sie in der Rürup-Reformkommission präsentieren.

Die Gewerkschaften werden einsehen müssen, dass sich auch ihre Klientel verändert. Heute sind die meisten Mitglieder relativ alt. Es wachsen aber junge Mitglieder nach, denen die Verkrustungen der Sozialsysteme Probleme bereiten werden. Und gegen ständig sinkende Einkommen werden die Jungen eines Tages aufbegehren. Deshalb muss auch den Gewerkschaften daran gelegen sein, die Reformen anzupacken.

Die Kommission will im Herbst 2003 ihren Bericht vorlegen. Brauchen wir vorher noch eine Notreform, um die Beiträge stabil zu halten?

Das hängt von der Konjunktur ab. Wir könnten auf ein Notpaket verzichten, wenn die Schwankungsreserve der Rentenversicherung groß genug wäre. Damit ließen sich Durststrecken ausgleichen. Die Regierung hat die Reserve aber viel zu stark abgesenkt – das war ein schwerer Fehler.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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