Wirtschaft : Ring frei für den Preiskampf!

Michael R. Sesit

Okay, es ist so weit. Angelo, José, Manfred und Paddy haben den Euro in der Tasche und damit den absoluten Durchblick: Sie können direkt vergleichen, wie viel die gleiche Schachtel Aspirin-Tabletten in Griechenland kostet (50 Cent), und wie viel in Frankreich (4,67 Euro) - ohne Taschenrechner und ellenlange Divisionsrechnung.

Einigen Unternehmen bereitet dies Kopfschmerzen, denn man geht davon aus, dass sich die Verbraucher jetzt auf Schnäppchenjagd begeben und dass sich lokal höhere Preise für das gleiche Produkt nicht mehr halten lassen. Auch wird es mehr Wettbewerb zwischen Euroland-Firmen geben, die austauschbare Produkte anbieten - etwa Autos, Küchen oder Fliesen. Das heißt aber nicht, dass die Preise in teuren Ländern wie Finnland, Deutschland, Irland und Frankreich fallen müssen. In vielen Fällen werden sie nur langsamer steigen als in Griechenland, Österreich, Spanien und Italien.

Dieses Sich-Annähern der Preise wird als Preiskonvergenz bezeichnet. "Die Einführung der Euroscheine und -münzen sollte diesen Prozess für zwei bis fünf Jahre noch einmal beschleunigen", sagt Sharda Dean, eine Ökonomin von Merril Lynch. Insgesamt würden die Preise noch zehn bis fünfzehn Jahre in Bewegung bleiben. Bis dahin, schätzt Frau Dean, wird etwa die Hälfte der Preisdifferenz von grob 50 Prozent zwischen der billigsten Volkswirtschaft, Griechenland, und der teuersten, Finnland, wegschmelzen.

Damit wir uns richtig verstehen: Billig einzukaufen ist in Europa nichts Neues. Dennoch haben sich Millionen von Verbrauchern nie die Mühe gemacht, die Preise mit denen jenseits der Grenze zu vergleichen. Entweder war es ihnen egal, oder sie waren zu faul. Aber jetzt ist die Situation anders.

VW Golf: 5213 Euro sparen

Ein VW Golf IV, der in Belgien für 13 588 Euro verkauft wird, steht in Irland für 18 801 Euro im Autohaus. Eau de Toilette der Marke Opium kostet in Belgien 112,30 Euro, in Portugal dagegen nur 50,23 Euro. Für einen iMac "Indigo" legen Sie in Griechenland 1731 Euro hin, in Deutschland 1159 Euro. Also: Viel Platz für fallende Preise. Und welche Auswirkungen hat das auf die Aktien?

"Wir sehen Preistransparenz nicht als größeres Problem", sagt Stephen Auth, der Leiter des weltweiten Portfolio-Managements bei Federated Investors in New York. Viel wichtiger sei, dass sich die Unternehmen auf den europaweiten Markt vorbereitet hätten und damit auch die Vorteile des Euro nutzen könnten. "Die Gewinnmargen sind in Europa in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, wobei die Preise ziemlich gut unter Kontrolle waren", sagt er. Das lässt darauf schließen, dass die Firmen rationalisiert haben. Zudem bleiben den Firmen bei aller Transparenz noch Ausreden, mancherorts mehr zu verlangen: Steuern, Kultur, Transport, Grundstücks- und Lohnkosten, Wettbewerb, Markenpolitik, Geschmack, Sicherheit oder Wohlstand einer Region.

Und wie sieht es in den einzelnen Branchen aus? Charles Van Vleet, Wechselkursexperte bei Credit Suisse Asset Management in New York, sieht Azkoyen, den spanische Hersteller von Verkaufsautomaten, auf der Gewinnerseite. Luxusgüter-Firmen wie die griechische Juwelierkette Folli Follie und der Schweizer Uhrenhersteller Swatch profitierten von der Auflösung der Matratzen-Konten und schwarzen Kassen. Ein Problemkind sei der Einzelhandel. Er musste die Kosten für die Umstellung der Kassen tragen und seine Angestellten schulen. Die Analysten von Merrill Lynch denken aber, dass die Einzelhändler das meiste Geld für die Umstellung schon 2000 und 2001 ausgegeben haben. Auch sollten die Preissenkungen auf lange Sicht den Konsum ankurbeln. Das Investment-Haus stuft die meisten europäischen Einzelhändler "neutral" ein. Am stärksten seien die Händler vom Währungswechsel betroffen, die nur in der Euro-Zone aktiv sind. Dazu gehören die spanischen Centros Comerciales Carrefour, die belgischen Etablissements Franz Colruyt und Laurus aus Holland.

Van Vleet von Credit Suisse wirft aber auch einen Blick auf andere Sektoren: "Verlieren werden Branchen mit niedrigen Margen, hoher Transparenz und mit austauschbaren Gütern wie Automobilen", sagt er. Vor allem VW, Fiat, Renault und Peugeot werde die Transparenz schlecht bekommen, sagt Svein Backer, ein Portfolio-Manager von Driehaus Capital Management, Chicago. Im Prinzip sei eine Firma um so anfälliger, je mehr ihr Geschäft auf den Konsumenten ausgerichtet sei: Hersteller von Haushaltsgeräten, Elektronik und weniger teuren Baumaterialien. Lehman Brothers gehen davon aus, dass vor allem Finanzdienstleister für das Massengeschäft und Mobilfunk-Unternehmen empfindlich sind, Pharma- und Lebensmittelhersteller hingegen weniger.

Michael Hartnett, Chefstratege für europäische Aktien bei Merrill Lynch, richtet sein Augenmerk auf die andere Seite der Konvergenz: dass die Preise in günstigeren Ländern anziehen werden. Daher setzt er auf den italienischen Zementhersteller Italcementi. Auch die französische Baustoff-Firma Saint Gobain und der Zement-Gigant Lafarge sind für ihn attraktiv. Also: Nicht nur das Shoppen wird durch den Euro europäischer, auch Investoren müssen sich künftig von Portugal bis Finnland auskennen.

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