Wirtschaft : Riskanter Kredit mit Folgen Ex-WestLB-Chef Sengera vor Gericht

Jürgen Zurheide

Düsseldorf -Wortlos nimmt Jürgen Sengera am Mittwoch in Saal L 111 auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts Platz und lässt das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Wo schon Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mit seinen zum Siegeszeichen gespreizten Fingern für Furore sorgte, sitzt nun ein weiterer, wenn auch ehemaliger Spitzenbanker. Und wiederum hat Richterin Brigitte Koppenhöfer zu entscheiden, ob sich der prominente Angeklagte strafbar gemacht hat.

Sengera zählte einst zu den mächtigsten Bankern der Republik. Er war bis 2003 Chef der Düsseldorfer WestLB und hatte in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender Verluste von mindestens 3,6 Milliarden Euro zu verantworten. Vor allem die aus London gesteuerten Geschäfte mit Spezialfinanzierungen waren kurz nach der Jahrtausendwende völlig aus dem Ruder gelaufen und genau dafür war Sengera zuständig; bis 2001 als normales Vorstandsmitglied und danach als Chef der WestLB – bis zu seinem erzwungenen Rücktritt zwei Jahre später.

Die Staatsanwälte beschränken sich in diesem Verfahren auf einen Fall, in dem sie Sengera schwere Untreue vorwerfen. Sie monieren die überaus eilige Vergabe eines Kredites über insgesamt 1,35 Milliarden Euro für die britische Leasinggesellschaft Boxclever. „Es gab da eine ungewöhnliche kurze Planungsphase“, argumentieren die Düsseldorfer Staatsanwälte, „außerdem wurden alle Risikoschwellen überschritten“. Der Kredit wurde in der Tat zwischen dem 26. November und dem 14. Dezember 1999 durch die Gremien der Bank gepeitscht. Dabei hatte es an Warnungen nicht gefehlt: Das bankeneigene zentrale Kreditmanagement hatte Alarm geschlagen. Weil Sengera später in den Gremien der Bank nicht immer alle Fakten auf den Tisch gelegt haben soll, hatte die Bankenaufsicht auf seiner Abberufung bestanden und „Zweifel an der fachlichen Eignung der zuständigen Vorstandsmitglieder“ geäußert. Zu diesem Zeitpunkt waren aus dem Engagement bei Boxclever 427 Millionen Euro an Verlusten aufgelaufen.

Die Verteidiger bestreiten das alles. Neben der Tatsche, dass sie sich über die lückenhaft übersetzten Dokumente aufregen, halten sie die gesamte Anklage für hohl. „Das sind russische Puppen ohne Inhalt“, schimpfte etwa Christian Richter. Für ihn und seinen Kollegen Eberhard Kempf gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem von Sengera zu vertretenden Kreditbeschluss des Vorstandes und der späteren Auszahlung der 1,35 Milliarden. „Deshalb verlangen wir die Einstellung des Verfahrens.“ In der Tat hatte sich die Staatsanwaltschaft bei anderen Verfahrenbeteiligten mit Geldbußen von bis zu einer Million Euro zufrieden gegeben. Auch Sengera hätte zahlen können, doch der will vor Gericht für seine Unschuld kämpfen. Den Anträgen auf Einstellung werden gleichwohl nur geringe Chancen eingeräumt. Jürgen Zurheide

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