Wirtschaft : Robert von Halász

Geb. 1905

Thomas Loy

Während Stadt für Stadt im Krieg versank, referierte er auf den „Betontagen“. Die Platte gibt es auch im Westen. Dort heißt sie Großtafel, und Robert von Halász, ein Wessi, war ihr glühendster Anhänger und frühester Wegbereiter. In einem der seltenen Versuche, die Sprache der Poesie mit den Fachtermini der Bautechnik zu verknüpfen, bezeichnete man von Halász ehrfurchtsvoll als den „Vater der Vorfertigung“. Ein bibliophiler Klassiker der Branche, das „Holzbau-Taschenbuch“, firmierte in Fachkreisen lange Zeit als „Der Halász“.

Robert von Halász war der Marcel Reich-Ranicki des Bauingenieurwesens. Nur trat er nicht im Fernsehen auf. Und seine Kritik behielt er meist für sich.

Eines Tages verkündete Robert von Halász das nahende Ende des Eigenheimbaus, verließ sein Haus in Dahlem und zog auf die Dachterrasse des deutschlandweit höchsten Großtafelbaus an der Heerstraße in Spandau. Die Wohnung war exklusiv, kein standardisiertes Arbeiterschließfach. Aber der Professor hatte doch ein deutliches Zeichen für den Fortschritt gesetzt. Der angehende Grandseigneur der deutschen Bautechnik lebte sein Ideal.

Enttäuscht und verärgert erlebte er später den sozialen Abstieg und Prestigeverfall der industriell gefertigten Hochhaussiedlungen. „Wir erleben heute eine sehr unjugendliche, ja feige Flucht in die Nostalgie, als Folge dieser unbewältigten Entwicklung“, schrieb von Halász in einem biographischen Abriss. Nicht die Großtafel trage Schuld an diesem Missstand, sondern der fortschrittsträge Mensch, wie die Geschichte lehrt. Die Zisterzienser hätten sich über Jahrhunderte mit den Lästerzungen der Holz einschlagenden Bürger und Bauern herumgeschlagen, als sie anfingen, Backsteinziegel zu brennen. „Erst die großen Feuersbrünste in den Städten haben zum Durchbruch des Backsteinbaus verholfen.“ In die Gegenwart übertragen bedeutet das: Wenn die Eigenheimler in den Fluten der abschmelzenden Polkappen umherpaddeln, werden sie sich noch voller Reue an die gute alte Hochhaus-Platte erinnern.

Robert von Halász löste Aufgaben, indem er sie in Zahlen zerlegte und das Ergebnis in praktische Arbeitsanweisungen übersetzte. So entwickelte er in den dreißiger Jahren standardisierte Holzkonstruktionen für den Hallenbau. 1941 ging er zur Preussag nach Rüdersdorf und forschte an einem hochfesten Beton für die Serienproduktion von Fertigbauteilen. Herauskam der „B600“ – eine Gold-Formel für Betonmischeralchemisten. Der B600 bewahrte von Halász vor dem Militärdienst. Beton war das Fundament der Kriegswirtschaft. Aber um den Vernichtungskampf der Nazis kümmert sich von Halász nicht. Ihn faszinierte die Möglichkeit, schnell, einfach und unabhängig vom Wetter große Hallen zu bauen. Das war radikal modern und wirtschaftlich ungemein erfolgreich. Später bezeichnete von Halász die Jahre in Rüdersdorf als seine besten – die Sicht des Bauingenieurs. Für die Zwangsarbeiter der Preussag waren es eher schlechte Jahre. Von Halász habe sich aber persönlich für ihre menschliche Behandlung eingesetzt, heißt es.

Während Stadt für Stadt im Krieg versank, referierte von Halász seine Forschungsergebnisse auf den „Betontagen“ in Berlin, Wien und München. Einer seiner wichtigsten Forschungsaufsätze erschien noch am 1. Februar 1945. Seine Dissertation, gerade druckfrisch hergestellt, wurde allerdings bei einem Bombentreffer in der Druckerei vernichtet.

Kurz nachdem die Front über Rüdersdorf hinweggerollt war, erhielt von Halász Besuch von einem russischen Offizier, Major Driwing – „Ich glaubte, nun werden sie mich abholen.“ Doch der Major entpuppte sich als Leiter eines Betonwerks bei Kiew und Kenner der Materie. Man unterhielt sich über den Stand der Wissenschaft, und der Major vermittelte bald neue Forschungsaufträge. Diesmal kamen sie eben aus Moskau. Für von Halász gab es keine Stunde null.

1948 wurde er zum Professor berufen. Das Unterrichten fiel ihm leicht, seinen Studenten war er ein großzügiger Lehrherr. Man fuhr gemeinsam auf Werksbesichtigungen ins Ausland, wanderte durch die Mark Brandenburg, feierte Geburtstage und Faschingsfeste, verkostete elsässische Weine und Feuerzangenbowle. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen, aber beides mit frohem Mut und in korrekter Haltung. Und meldet sich der Körper mal krank, einfach ignorieren. Da schimmerte der ungarisch-preußische Stammbaum derer von Halász durch.

Bei den Diplomprüfungen drückte der Professor gern ein Auge zu. Wenn ihm jemand versprach, in seine Heimatprovinz zurückzugehen, waren es auch mal beide Augen. Die Noten vergaben irgendwann die Assistenten. Von Halász schwebte bald als weißgraue Eminenz über dem Lehrstuhl.

Nach seiner Pensionierung arbeitete er noch ein Vierteljahrhundert in einem Ingenieurbüro mit. Erst ganz zuletzt hörte er auf zu lesen und zu sprechen. Fast ein Jahr lang lebte er ohne Sprache. Dann schlief er ein.

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