Wirtschaft : Roboter: Asimo ist der ganze Stolz der Honda-Ingenieure

Todd Zaun

Zehn Jahre arbeitete Katsuyoshi Tagami, Ingenieur der Honda Motor Company, an einem Geheimprojekt: dem ersten zweibeinigen, menschenähnlichen Roboter. Kurz bevor er mit seinem Geschöpf an die Öffentlichkeit ging, packten ihn jedoch Zweifel: Würden vielleicht religiöse Führer meinen, Honda spiele Gott? Er forschte nach, fand aber sonst niemand, der an zweibeinigen Robotern arbeitete. "Es gab sechsbeinige Roboter und vierbeinige, sogar einen einbeinigen Hüpf-Roboter. Aber keine Zweibeiner. Das machte uns ein wenig nervös", sagt Tagami.

Daher machte er sich auf den weiten Weg nach Rom, um den Rat eines vatikanischen Theologen einzuholen. Der versicherte ihm, dass die Kirche keine Einwände habe. Daraufhin entstand ein 120 Zentimeter großer Roboter: "Asimo". Er kann tanzen, die Hand geben und einfache Fragen beantworten. Nur nicht, warum einer der führenden Autoproduzenten der Welt moralisch einwandfreie Roboter herstellt.

Eigentlich wurde Asimo geboren, um die Moral der Honda-Ingenieure zu heben. Diese - und unter ihnen Hiroyuki Yoshino, Hondas heutiger Chef - lieferten sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gegen den Rivalen Yamaha einen Kampf um Marktanteile. Am Ende fühlten sie sich völlig ausgebrannt, denn sie sahen sich eigentlich als Gefolgsleute des Firmengründers Soichiro Honda, einer Motoren-Bau-Legende - und nicht als Metallhändler. Mitten im Marketing-Krieg begannen leitende Manager, über die Rolle von Honda nachzudenken. Sie entschieden, dass ein außergewöhnliches Ziel her musste, um die Ingenieure zu motivieren. Diese wurden damals wie heute als die Seele des Unternehmens betrachtet. "Wir wollten etwas zu Stande bringen, das irgendwie für das Leben der Menschen nützlich ist", erinnert sich der heute 61-jährige Yoshino. 1981 rief er ein halbes Dutzend weiterer Ingenieure in einem Forschungslabor zusammen, um Ideen für neue Projekte zu sammeln.

Roboter kamen nicht von ungefähr - Japaner sind verliebt in die Maschinen. Im 18. Jahrhundert bauten japanische Handwerker "Karakuri Ningyo", hölzerne Automaten mit handgearbeiteten Federn und Antriebsmechanismen. Sie konnten Kunststücke vollführen wie eine Trommel schlagen oder Tee einschenken. In der japanischen Kultur wurden Roboter verklärt. In der Comic-Serie "Mighty Atom" baut ein trauernder Wissenschaftler nach dem Vorbild seines toten Sohns einen Roboter, der gegen das Verbrechen kämpft - eine Parabel für die Hoffnung in die Technik, nötig für eine vom Zweiten Weltkrieg am Boden zerstörte Nation.

Honda begann 1986 mit dem Bau von Robotern. Damals richtete das Unternehmen außerhalb Tokios ein geheimes Labor für die Grundlagenforschung ein. Tagami und seine Ingenieure waren sich einig, dass ihr Roboter Arme und Beine haben sollte, damit er sich in Häusern frei bewegen konnte. Bis 1996 hatte das Team den Roboter P-2 konstruiert; er konnte Treppen steigen und einen Lichtschalter umlegen. Man war kurz davor, ihn der Öffentlichkeit vorzustellen. Da sah Yoshino auf CNN eine Reportage über eine gewalttätige Demonstration von Fundamentalisten in den USA, sagt Tagami. Die Nachrichtensendung weckte bei Honda die Sorge, religiöse Gruppen könnten Maschinen mit menschlicher Gestalt ablehnen. Man hatte Hollywood-Filme gesehen und stellte sich vor, die US-Amerikaner seien paranoid, was Roboter angeht. Für jeden netten C3PO - den goldenen Roboter aus Star Wars - gab es einen Haufen mordgieriger Automaten, wie Robocop, Terminator und Blade Runner. "Im Westen werden Roboter als Arbeiter gesehen, die den Menschen die Arbeit wegnehmen", sagt Tagami. "Man denkt, dass sie schon bald die Menschen beherrschen werden." Honda konnte es sich aber auf keinen Fall leisten, das Roboter-Projekt zu einem PR-Desaster werden zu lassen. Es hatte bis dahin zig Millionen Dollar gekostet, wie ein Insider sagt. Daher schickte Yoshino im Dezember 1996 Tagami nach Rom. Er sollte sich mit Hochwürden Joseph Pittau treffen, der damals Rektor der Gregorianischen Universität war. Die Firma dachte, vor allem Katholiken wären vielleicht gegen das Roboter-Projekt eingestellt. Die Kirche lehnte ja das Klonen von Menschen ab, also vielleicht auch Andropiden.

Als Antwort schlug Pater Pittau vor, zur Sixtinischen Kapelle zu gehen. Pittau zeigte Tagami Michelangelos Malerei von der Erschaffung des Menschen durch Gott. "Das ist der Augenblick, in dem Gott Adam das Leben eingehaucht hat, ihm Urteilsvermögen und Vorstellungskraft gegeben hat", erinnert sich Tagami an die Worte des Priesters. "Indem Sie einen Roboter bauen, benutzen Sie ihre Vorstellungskraft, um etwas Nützliches zu schaffen. Sie spielen nicht Gott." Erzbischof Pittau ist heute Beauftragter für katholische Erziehung weltweit. Per Fax bestätigte er das Treffen mit Tagami. Er habe ihm damals gesagt, jeder Roboter sei willkommen, der Menschen und insbesondere Kranken und Behinderten helfe. Honda nahm Pater Pittaus Worte als inoffiziellen Segen der Kirche. Im Dezember 1996 zeigte Honda Reportern ein Video ihres 180 Zentimeter großen, 207 Kilogramm schweren Roboters P-2, der Treppen stieg und einen Karren schob. 1997 folgte der flinkere P-3. Im vergangenen November kam Asimo, mit seinem unheimlich menschlichen Gang. Am letzten Abend des Jahres, als etwa die Hälfte aller Japaner vor dem Fernseher saß, schlenderte Asimo bei einer Live-Show auf die Bühne. Asimo war im roboterverrückten Japan eine Sensation. Dabei schneidet Asimo mit seinen Fähigkeiten, auf die Umwelt zu reagieren, gegen andere Roboter schlecht ab. Man wolle daher als nächstes sein Gehirn verbessern, sagt Masato Hirose, der nach der Pensionierung von Tagami 1999 die Roboter-Entwicklungsabteilung übernommen hat. Honda arbeitet auch daran, Asimos Hände zu verfeinern, so dass er eine Dose Bier aus dem Kühlschrank holen kann. Obwohl es derzeit nur sechs Asimos gibt, wird die Firma am Ende Asimos für etwa den Preis eines Autos verkaufen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben