Wirtschaft : Roche schluckt Boehringer Mannheim

Kaufpreis von 19 Mrd.DM / Neuer Weltmarktführer im Bereich Diagnostika / Arbeitsplatzängste in Mannheim

BASEL (dpa).Der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche, Basel, hat für elf Mrd.Dollar (18,7 Mrd.DM) überraschend die internationale Boehringer Mannheim Gruppe übernommen.Das Unternehmen steigt damit zum Weltmarktführer auf dem Diagnostika-Markt auf und rückt weiter in die Spitzengruppe der Pharmakonzerne vor.Das teilte die F.Hoffmann-La Roche AG am Montag in Basel mit."Mit dieser Akquisiton werden wir einen Quantensprung machen", sagte das Roche-Verwaltungsratsmitglied Franz Humer.Fritz Gerber, Präsident des Verwaltungsrates, sprach von der "bisher größten Transaktion in der über 100jährigen Geschichte von Roche".Wie sich die Übernahme auf die Arbeitsplätze auswirken werde, sei noch offen.Mit "blankem Entsetzen" reagierte die Belegschaft von Boehringer Mannheim nach Angaben des Betriebsrats auf die Nachricht.Rund 5000 Beschäftigte protestierten spontan in Mannheim für den Bestand ihrer Arbeitsplätze.Boehringer Mannheim hat 8200 Mitarbeiter in Deutschland mit Standorten in Mannheim, Penzberg und Tutzing.Es produziert auch in Italien, Mexiko, Japan und Argentinien, hat seine Forschung und Entwicklung aber in Deutschland und den USA konzentriert.Die Unternehmensleitung hat ihren Sitz in Amsterdam.Die Firmenzahlen werden in Dollar veröffentlicht, weil die Mutterholding Corange auf den Bermudas beheimatet ist.La Roche übernahm außerdem 84,2 Prozent der Aktien de DePuy, Inc., Delaware (USA), deren Anteile wie die von Boehringer bislang bei der Corange Ltd auf den Bermudas lagen.DePuy zählt mit einem Umsatz von 860 Mill.Schweizer Franken 1996 zu den weltweit führenden Unternehmen im Bereich künstliche Gelenke und orthopädische Produkte.Durch die Zusammenführung des Diagnostika-Geschäfts von Roche und Boehringer Mannheim entsteht die Roche Boehringer Mannheim Diagonstics mit 13 500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3,5 Mrd.Schweizer Franken.Roche nahm vor der Aquisition nur Rang acht unter den weltweit operierenden Diagnostika-Unternehmen ein. Roche-Konzernchef Gerber rechnet damit, daß die Behörden schon bald grünes Licht für die Übernahme geben werden.Das Bundeskartellamt hält wegen der internationalen Verflechtung die Brüsseler Kartellbehörden für zuständig.Den gesamten Weltmarkt für diagnostische Produkte schätzt Gerber auf 19 Mrd.US-Dollar.Davon will sich Roche bis zu 15 Prozent Marktanteil sichern.Die Roche-Unternehmensleitung in Basel rechnet damit, daß die Übernahme auf das 1997er Ergebnis drücken werde."Wir erwarten im ersten Jahr eine Verwässerung des Ergebnisses", sagte der Finanzchef Henri Meier.Nach früheren Angaben wurde für 1997 ein Gewinn von 4 Mrd.Franken erwartet. Die Schweizer Unternehmensgruppe wird mit der Neuerwerbung voraussichtlich die 20-Milliarden-Grenze beim Umsatz überschreiten.Neben der Diagnostik und im Pharma-Bereich zählt Roche auch in den Sparten Vitamine, Riechstoffe und Aromen zu den international stärksten Unternehmen.Mit der Übernahme des Pharmageschäfts von Boehringer will Roche seinen Weltmarktanteil in dem Bereich auf 3,3 Prozent erhöhen und nimmt nach eigenen Angaben den sechsten Rang in der Riege der internationalen Pharmahersteller ein.Die Marktposition in Europa und Lateinamerika soll erheblich gestärkt werden.In Deutschland werde die Schweizer Gruppe drittgrößtes Unternehmen mit einem Spartenumsatz von über einer Mrd.DM und einem Marktanteil von vier Prozent, hieß es weiter. Es sei noch zu früh, um festzustellen, in welchem Ausmaß sich die Übernahme in den einzelnen Ländern auf die bestehenden Arbeitsplätze auswirken werde, erläuterte Gerber.Ein Stellenabbau wurde langfristig nicht ausgeschlossen und soll sozialverträgliche gestaltet werden.Gerber sicherte zu, daß der Standort Mannheim langfristig bestehen bleiben werde."Ihm kommt auch innerhalb der neuen Roche Boehringer Mannheim Diagnostics Division ein große Bedeutung zu." Eine Boehringer-Sprecherin kommentierte die Übernahme mit den Worten: "Big is beautiful"; von einer feindlichen Übernahme könne keine Rede sein.Boehringer Mannheim sei allein "zu klein um ins nächste Jahrhundert zu kommen".

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