Rohstoffe : Die Kreuzberger Papierbank

Die Zeiten, da Altpapier nur Abfall war, sind vorbei. Inzwischen balgen sich die Firmen um den Reststoff. Denn je reicher ein Land, desto mehr Papier wird verbraucht.

Verena Friederike Hasel
Die Kreuzberger Papierbank
Geschäftsführer Dirk Bernhardt (Mitte) verdient Geld mit der Annahme von Altpapier. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

BerlinEs gibt diese Momente, ja, das gibt er zu, da geht es mit ihm durch, da knüllt er das Papier. Obwohl das, fügt Dirk Bernhardt rasch hinzu, natürlich nicht der rechte Umgang mit Papier sei: „Ein Riesenvolumen und kaum Gewicht hat man dann, das bringt ja nichts.“

Dirk Bernhardt muss es wissen; er ist Geschäftsführer der Papierbank in Berlin-Kreuzberg und verdient sein Geld mit der Annahme von Altpapier an inzwischen schon 60 Stationen. Das Besondere: Wer das Papier abgibt, verdient auch, fünf Cent pro Zeitungskilo. Auf die Idee kam der gelernte Ingenieur Bernhardt im Jahr 2004. Damals arbeitete seine Recyclingfirma vor allem mit Gewerbekunden, hatte gerade eine Ausschreibung verloren und Bernhardt ärgerte sich, dass der Markt schon so gesättigt ist. Wie schön wäre ein neues Kundenfeld, dachte er, rein wie ein weißes Blatt Papier. Und dann: Altpapier von Privatpersonen, das wäre es doch.

Inzwischen, rund drei Jahre später, ist auch dieser Markt nicht mehr unschuldig. Altpapier ist als Wert entdeckt worden, den kommunalen Aufstellern der blauen Tonne machen inzwischen viele Firmen Konkurrenz. Ermöglicht hat das die gestiegene Nachfrage, vor allem in Asien. Papier ist so etwas wie ein Wohlstandsmesser, je reicher ein Land, desto mehr wird verpackt, geschrieben und gedruckt. In China lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Papier 1990 bei 14 Kilo jährlich, heute sind es 50. Damit sind deutsche Verhältnisse noch nicht erreicht, hier verbraucht man etwa fünfmal so viel. Trotzdem können die Chinesen ihren Bedarf an Altpapier – oft macht es 60 Prozent eines neuen Papierprodukts aus – allein nicht decken. Hier kommt die Papierbank ins Spiel: Bis zu zehn Prozent der Fahrradkataloge, Kinderzeichnungen und Kinokarten, die auf dem Kreuzberger Gewerbehof in Ballen stapeln, werden einmal in Schanghai als Zeitung verkauft werden oder Verpackung in einem Pekinger Supermarkt sein.

Weniger weit gelangt das Papier von Wiko. Das ist die zweite Firma in Berlin, bei der Privatleute ihr Altpapier abgeben können und Geld dafür bekommen, hier sogar bis zu sieben Cent pro Kilo. Wiko liefert vor allem an Fabriken in der Umgebung, die Geschäftsführerin Petra Kopp, gebürtige Brandenburgerin, will mit ihrem Unternehmen an Sero anknüpfen. So hieß das Kombinat in der DDR, das für die Annahme und Weiterverwertung von recyclebaren Wertstoffen zuständig war. Ein wichtiges Thema in einem Land, in dem Rohstoffe stets knapp waren.

Zudem hatte es schon Karl Marx als Vorzug der Wissenschaft bezeichnet, die nutzbaren Eigenschaften von Abfällen entdeckt zu haben. Seit den Sechzigern unternahm Sero viel, um Menschen zum Mitmachen zu bewegen. So gab es jedes Jahr eine Tombola mit Preisen im Wert von 600 000 DDR-Mark, an der nur teilnehmen durfte, wer eine bestimmte Menge an Altstoffen gesammelt hatte, darunter fünf Kilo Altpapier.

Während die Ostdeutschen also schon früh erzogen waren, war es für die Westdeutschen eine Überraschung, als in den 80ern der damalige Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) das Sammeln mit einem Mal per Gesetz anordnete. Doch man fügte und gewöhnte sich und vielerorts teilten die Kommunen die Entsorgung der blauen Tonne bestimmten Unternehmen zu, die dann für das gesamte Gebiet zuständig waren.

Nun, da diese Firmen Konkurrenz bekommen haben, ist die Ruhe dahin. Und die Justiz hat eine neue Aufgabe: Streitigkeiten zwischen Müllinteressenten beilegen. So lehnte das Verwaltungsgericht Augsburg im März etwa einen Eilantrag des Landratsamts ab und gestattete dem privaten Anbieter Remondis seine blauen Tonnen aufzustellen. Gemäß Artikel 13 des Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes sind gewerbliche Sammlungen von Abfall nämlich zulässig, sofern sie entsprechend entsorgt werden.

Dass die kommunalen Versorger dennoch weiterhin vor Gericht ziehen, wertet Jörg Lacher, Sprecher des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE), als Versuch der Behörden, „durch missbräuchliche Auslegung der Gesetzgebung Konkurrenz zu verhindern“. Karin Opphard, Geschäftsführerin vom Verband kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung, hält dagegen: „Diese Art der Konkurrenz schadet den Bürgern.“ Möglicherweise müssten Entsorger die Müllgebühren anheben, wenn ihnen die Einnahmen aus dem Altpapier wegbrächen. Und außerdem sollte man bedenken, dass die privaten Firmen erst jetzt auf den Plan getreten seien, da sie ein Geschäft witterten. Und das klingt fast ein bisschen nach: Wir haben uns so lange gekümmert, sollen wir jetzt etwa abgehängt werden?

Unter den Bürgern herrscht derweil Konfusion: „Blaue Tonne – was nun?“ übertitelte Petra Schmidt aus Bayern ihren Eintrag auf der Internetplattform Myheimat. Über Nacht seien diverse blaue Tonnen in ihrer Straße aufgetaucht, schreibt sie. „Wo kommen sie her? Wer steckt dahinter? Ist es etwas Offizielles? Was Neues? Warum?“

Der Brandenburger Entsorger Awu hat derweil um Mithilfe gegen Papierdiebe gebeten, die Altpapier aus den Tonnen entwenden. „Wir haben merklich weniger leeren können“, sagt der Geschäftsführer Manfred Steber. Dass es in Berlin vergleichsweise friedlich zugeht, liegt daran, dass sich hier von Anfang an mehrere Firmen – wie Berlin Recycling, Alba und Bartscherer – den Markt der Kunden teilten, die ihr Papier abholen lassen wollen.

In Dirk Bernhardts Büro, oberhalb der Papierberge auf dem Kreuzberger Gewerbehof, hängt eine Deutschlandkarte. Auf sie schaut Bernhardt oft, wenn er spricht. Mehrfach steht er auf, tritt an sie heran und zeigt, wie ein Feldherr: Auf das Städtedreieck Leipzig-Chemnitz-Dresden etwa, „besonders umkämpftes Gebiet“, sagt er, 200 Annahmestellen für Altpapier gibt es dort, von fünf Firmen, die Papierbank ist auch dabei und will weitere eröffnen. Einen seiner Knüllmomente hatte Bernhardt 2004, als er sich den Firmennamen ausdachte. Er wollte nichts Ödes wie Altpapierhandel, er brauchte ein Branding. 100 Namen schrieb er auf, knüllte, schrieb weiter, dann hatte er es. Papierbank, das klingt in Bernhardts Ohren nach einer Vision.

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