Wirtschaft : Roland Krüger

(Geb. 1961)||Der Moment war sein Metier. Nicht die Zukunft.

Veronika de Haas

Der Moment war sein Metier. Nicht die Zukunft. Die Kleinstadt war aufgebracht. „Freiheit für Andreas Baader!“ hatte jemand an die Häuserwände gesprüht. Mitten in der Stadt. Die Leute auf der Straße waren empört: Ins KZ mit solchen Kerlen! Roland war heilfroh, dass sie ihn nicht erwischt hatten.

Deutscher Herbst in Schiltach. Die beschauliche Schwarzwaldidylle kehrte ihre geistige Enge ganz nach außen. Hier ist Roland aufgewachsen, mit zweitem Namen hieß er Adolf. Die Eltern waren streng religiös, die Bibelstunden in der Pfingstgemeinde waren Pflicht. Es gab zwei Möglichkeiten: Anpassung oder Rebellion. Die Entscheidung fiel ihm leicht.

Statt regelmäßig in die Schule zu gehen, kümmerte er sich lieber um den Buchladen, den er mit Freunden aufbaute, und außerdem um Drogen, Sex und Rock ’n’ Roll. Erst mal. Dann wurde ihm doch noch klar, dass er die Schule beenden musste. Wie sein Vater, als Hilfsarbeiter, wollte er nicht enden.

Roland war niemand, der die Dinge umständlich plante: Sie passierten ihm eben. So passierte ihm auch Sabine. Eines Tages tauchte sie auf der Mühle in Renchen auf. Da lebte er in einem alternativen Wohnprojekt, und für die Freunde war sie nur „die Großstadttussi“, die Roland aus der Kommune lockte. Der hatte zwar Gewissensbisse, doch ihm war sehr schnell klar: Mit der gehe ich nach Berlin.

Die Großstadttussi und der Hippie vom Land feierten 1987 Hochzeit. Sabine im Kleid von H & M, Roland im selbst genähten Hemd. Seine Mutter hatte Tränen in den Augen. Nicht nur vor Rührung. So hatte sie sich seine Hochzeit nicht vorgestellt.

Roland nutzte die Gelegenheit, sich der Relikte aus dem Schwarzwald zu entledigen. Er hieß nun Krüger wie Sabine, und statt Roland nur noch Rolo. So hatte ihn zuerst Sabines Sohn genannt. Das „Krügerpaar“, wie man sie nannte, wohnte in einem ehemals besetzten Haus in der Bülowstraße. Rolo studierte Politik und baute am Haus. Über ein Praktikum kam er zur Organisationsberatung und zu den Computern. Zu letzteren hatte er sofort eine „libidinöse Bindung“, wie er sagte. Obwohl er Kurse zum Neurolinguistischen Programmieren besucht hatte, blieb er in der Beratungsfirma der Computerspezialist. Seine sozialen Fähigkeiten wandte er im echten Leben an. Zum Beispiel bei Finn, seinem Sohn. Der wurde 1996 geboren und war sein Ein und Alles.

Als Sabine sich von Rolo trennte, lag das auch daran, dass sie seine Planlosigkeit nicht verstehen konnte. Er setzte sich keine Ziele, er konnte sich am Alltag erfreuen, stundenlang auf der Dachterrasse stehen und die Laubenpiepersiedlung beobachten oder auf der Gitarre einen neuen Akkord üben. Der Moment war sein Metier, nicht die Zukunft. Vielleicht, weil er wusste, dass die nicht lang sein würde.

Vom Schwarzwald war doch etwas übrig geblieben: Hepatitis C. Rolo war immer in Behandlung gewesen, aber er hatte nicht immer gesund gelebt. Die Leber machte jetzt Probleme, eigentlich brauchte er eine neue. Doch auf der Transplantationsliste stehen nur diejenigen, bei denen es richtig schlimm wird. Richtig schlimm wurde es Mitte August. Da entdeckte der Arzt das Karzinom. Es war aggressiv und schnell. Rolo blieb nicht viel Zeit.

Viel zu wenig Zeit jedenfalls für die Pläne, die er doch noch gemacht hatte. Mit Anne, seiner neuen Freundin, und mit Finn. Er wollte noch mehr Kinder. Er wollte ins Ausland. Mal Urlaub machen. Und er wollte mit Anne und Finn an einem Donnerstag im November zur Premiere von Harry Potter.

Es kam anders. Finn war mit Sabine im Kino, Anne bei Rolo im Krankenhaus.

Finn hat seinen Vater nicht wiedergesehen. Er besucht ihn dafür manchmal schon am Morgen vor der Schule auf dem Friedhof. Finn trägt jetzt rote Haare, wie Ron, der Freund von Harry Potter. Rolo hat seine manchmal auch rot gefärbt.

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