Wirtschaft : Roland Schmidt

(Geb. 1958)||Sie nannten ihn Popeye. Doch sein Spinat war der Schnaps.

Kirsten Wenzel

Sie nannten ihn Popeye. Doch sein Spinat war der Schnaps. Damit eins klar ist: Hier gibt es keine Waffen“, sagte die Sozialarbeiterin im Übergangshaus der Berliner Stadtmission, als er zum ersten Mal dort auftauchte, keine Messer, keine Schlagringe, keine Pistolen. „Nicht nötig“, sagte er, „meine Waffen sind meine Fäuste.“ – „Ganz schlecht“, sagte die Sozialarbeiterin, „die kann ich ja noch nicht einmal einschließen.“ – „Tja“, sagte Popeye. Wie er da lächelte, sah er aus wie ein gutmütiger Bär.

Eigentlich war er eher der Respekt einflößende Typ: platte Boxernase, massive Oberarme.

Stark wie Popeye war er, und so nannten sie ihn Popeye – am Bahnhof Zoo, am Ostbahnhof, an den S-Bahnhaltestellen der großen Stadt, in der er nie ein Zuhause gefunden hat. An guten Tagen steckte er sich ein Pfeifchen in den Mundwinkel und setzte sich einen Hut schräg auf den Kopf, um die Ähnlichkeit zum Comic-Kraftprotz noch zu unterstreichen. Er konnte den Mund schief ziehen, er war sein Leben lang stolz auf die Kraft seiner Fäuste. Nur vom Spinat schüttete er längst nicht so viel in sich hinein wie sein Vorbild. Dafür trank er Schnaps, manchmal drei Flaschen am Tag.

Gelernt hatte er Gärtner, in Oderberg an der polnischen Grenze, doch das lag unendliche Zeiten zurück. In seiner Erinnerung war er immer Boxer. Doch auch da war die aktive Zeit schon lang vorbei. Seit der Wende lebte er auf der Straße. Davor war er im Knast, für viele Jahre. Einer, mit dem er sich geprügelt hatte, war danach nicht wieder aufgestanden.

Und davor gab es sogar eine Frau in seinem Leben. In melancholischen Momenten sprach er von ihr. Sekretärin muss sie gewesen sein, sehr anziehend, mit einem akkurat geordneten Leben. Ein Mensch, der samstags einkaufen geht und Blumen in die Balkonkästen pflanzt. Als er ins Gefängnis musste, sagte er zu ihr, was seiner Ansicht nach jeder anständige Mann in dieser Situation gesagt hätte: „Warte nicht auf mich.“

Popeye wusste, was einen echten Mann von einem Waschlappen unterscheidet: Der Mann kennt keinen Schmerz, braucht niemanden, fällt niemandem zur Last. Der kann ohne fremde Hilfe einen Entzug machen, auch wenn er an den epileptischen Anfällen fast krepiert. Der lässt sich nichts bieten, aber er beschützt die Schwachen. Auch als Obdachloser kann man noch ein Gentleman sein. Ein echter Mann beklaut keine Kumpels und er bettelt nicht. Da mag der Saufdruck noch so groß sein. Lieber steckt er bei Lidl am Ostbahnhof eine Flasche Korn für 4,89 Euro und eine Schachtel Zigaretten ein und landet dafür mal wieder für 20 Tage im Knast.

Als er im Übergangshaus der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße ankam, hatte er bereits Lungenkrebs, einen Herzschrittmacher und drei Schlaganfälle hinter sich. „Wenn mir jemand dumm kommt – soll ich mir das einfach so bieten lassen?“, fragte er, als würde die nette Sozialarbeiterin von ihm verlangen, lächelnd Geldscheine auf dem Ku’damm zu verteilen. „Genau!“, sagte sie. Er ließ sich auf das Experiment der Gewaltlosigkeit ein, ihretwegen, er wollte weniger trinken und meldete sich sogar zum Computerkurs an.

Es kam der Moment, an dem das Experiment scheitern musste. Als ihn ein anderer Heimbewohner im Fernsehraum angriff und beschimpfte, besorgte Popeye sich ein Taschenmesser. Den Kollegen der netten Sozialarbeiterin erzählte er weinend von seiner Verzweiflung, er spürte, dass seine Fäuste ihn nicht mehr beschützen konnten. Sogar einen Türsteher hatte er zu seinem Schutz engagiert. Das entsprach nicht der Hausordnung. Als sie aus dem Urlaub kam, lag auf ihrem Schreibtisch nur noch eine Nachricht von ihm: „Hab’s leider nicht mehr ausgehalten.“

Auf der Krankenstation für Obdachlose fand sie ihn wieder, die Kollegen hatten ihn am Bahnhof aufgesammelt. Es war Zeit, einen Ort zum Sterben für ihn zu suchen. Eine frisch renovierte Wohngemeinschaft der Heilig-Kreuz- Kirche sollte es sein, ein „Beheimatungsprojekt“ für Popeye, seinen Kumpel und zwei weitere Obdachlose. „Ist doch toll“, sagte die Sozialarbeiterin, „da könnt ihr euch die Leute aussuchen, die ihr dabei haben wollt.“ Doch Popeye schüttelte nur traurig den Kopf. Er wollte nicht weg aus dem Übergangshaus, wollte nicht woanders „beheimatet“ werden, nicht weg von ihr. Zwei Tage vor dem Umzugstermin starb er in seinem Bett im Übergangshaus – fast so als hätte er immer eins gehabt.

Auf dem Friedhof standen ein paar Kumpels vom Bahnhof Zoo und weinten bitterlich. Über das beschissene Leben, über den Tod. Dann kippten sie Popeye noch einen sehr großen Schluck Schnaps ins Grab.

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