Wirtschaft : Rolf Drescher

Geb. 1923

Gregor Eisenhauer

Von Statur ein barocker Mensch. Vom Gehör her ein Absolutist. Es gibt geheime Verbindungen, spirituelle Bruderschaften, die im Stillen wirken, Außenstehenden kaum jemals namhaft werden, und die dennoch in ihrem abgezirkelten Bereich kleine Wunder vollbringen. Und manchmal ist das Losungswort ein ziemlich profanes: „Bauen Sie ihr Meistercembalo selbst!“

Das Cembalo ist ein Tasteninstrument mit Zupfmechanik. Das sagt gar nichts. Man muss es hören. In einem U-Bahnschacht oder einem großen Konzertsaal den kleinen Zwilling, die Laute, hören. Ein schmächtiger Holzkorpus, aber der Klang entwickelt sich im Raum, füllt ihn schließlich ganz und gar. Dieser Klang ist auch der Klang des Cembalos – der Unterschied zur Laute: Das Zupfen der Saiten erfolgt über eine Tastatur. Das Cembalo wurde im 19. Jahrhundert vom Klavier verdrängt. Wahre Liebhaber des Cembalo-Klangs mussten sich im Museum einschließen lassen, um auf einem dieser alten Instrumente spielen zu können.

„Also – bauen Sie selbst!“ Das Cembalo für alle Tage. Der Resonanzboden war aus Sperrholz, das Holz für das Gehäuse wurde nicht mitgeliefert, sodass, alles in allem, nur 150 Dollar für den kompletten Bausatz zu bezahlen waren. Leim, Zwinge, Hammer – und Geduld, viel Geduld nicht inklusive.

Das war der Zuckermann-Kit, benannt nach Wolfgang Zuckermann, Kinderarzt, Psychologe, leidenschaftlicher Musiker und Gründer der Bausatzfirma für Cembalos. Was Anfang der sechziger Jahre auf Heimwerkerniveau in Amerika begann, wurde bald ein internationaler Instrumentenbauerwettbewerb, angestachelt von dem Ehrgeiz, die Töne so erklingen zu lassen, wie damals zu Bachs und Couperins Zeiten.

Rolf Drescher traf Zuckermann in den siebziger Jahren, zufällig, und war sofort fasziniert von der Baussatzidee. Er übernahm die Generalvertretung für Europa.

Meist hatte er selbst ein Cembalo in der Wohnung, die Katze saß darauf, er spielte den Kunden vor und unversehens wurden sie Freunde.

Die Fachsimpelei, sie eint, und sie hat nie ein Ende: Welche Lackierung, welches Saitenmaterial, wie zupfen, Rabenfederkiele oder Kormorankiele? Dann die Schulen des Instrumentenbaus, italienische, flämische, britische, klangschön jede, auf ganz andere Art.

Was die alten Instrumentenbauer nur als Zunftgeheimnisse oder in der Familie weitergaben, das wurde nun in Freundeskreisen ausgetüftelt, erprobt, verworfen, weiterentwickelt. Und Rolf Drescher war der Spiritus Rector, er hat sie alle geschult und in seinem Bannkreis gehalten.

Von Statur ein barocker Mensch, genussfroh, die Eltern hatten ein Feinkostgeschäft. Vom Gehör her ein Absolutist.

Er hatte Klavier studiert, besaß Talent, Technik, Gespür für die musikalische Linie. Er war von seinem Können überzeugt, aber er kannte den Abstand zu den Weltbesten.

Und so ging er damals zu Steinway. Seit den fünfziger Jahren war er Repräsentant des Unternehmens im Ostblock.

„Ich möchte einen weichen Klang, einen weniger gläsernen…“ Was der Pianist unter den Händen hat, entscheidet über sein Wohlergehen. Rolf Drescher kannte die Pianisten, und die Instrumente. Zudem war er trinkfest und kannte die Prinzipien des Naturaltauschs, Wodka gegen Hammerköpfe, alles mit stillschweigendem Einverständnis der Behörden. In der Musik gab es den eisernen Vorhang nicht.

Das Moskauer Tschaikowskikonservatorium hatte Steinway-Flügel, die Rundfunkanstalten, die Konzerthäuser. Nur die Pianisten nicht. Die Pianisten hatten kein Geld. Also machte Drescher kundige Klavierbauer ausfindig und schulte sie darin, alte Steinwayflügel zu restaurieren, die dann den Pianisten günstig überlassen wurden.

Die Sehnsucht, die Sucht nach dem vollkommenen Ton, sie trieb die Künstler zu ihm, sie trieb ihn auch selbst um.

Seine Provisionen hatte er angespart und in Hamburg dem dortigen Meister in der Klavierfertigung aufgetragen: Wenn ihr je einen besonderen Flügel baut, einen, von dem ihr überzeugt seid, dass er ein nicht zu übertreffendes Meisterstück ist, reserviert ihn mir und ruft mich an!

Der Anruf kam nach zwölf Jahren. Er fuhr nach Hamburg, sah das Instrument, spielte einige wenige Töne und wusste, er war am Ziel.

„Klingt eins wie das andere“, denkt der Laie – sonst hätten die Noten doch gar keinen Sinn, das muss doch alles gleich klingen. Aber der Ton macht die Musik. Jedes Klavier hat einen eigenen Charakter, und wenn Freunde kamen, Konzertpianisten zumal, hörten sie sofort das Eigentümliche. Die Töne scheinen nicht mehr aus dem Raum weichen zu wollen.

Gelegentlich spielte er selbst auf dem Instrument. Aber wichtiger war ihm wohl das Wissen darum, dass es diesen Flügel tatsächlich gibt, und er in den richtigen Händen war.

Als dann, im Alter, die Wohnung eine kleinere wurde, und er seinen Nachlass zu ordnen begann, wandte er sich an einen langjährigen Freund, den er nach wie vor siezte: „Ich weiß, Sie sind kein Pianist, aber mein Flügel würde es bei Ihnen gut haben. Ich kann nicht mehr für ihn sorgen.“

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