Wirtschaft : Roman V.

(Geb. 1956)||Zweimal hat er geheiratet, um seine geliebte Heimat zu verlassen.

David Ensikat

Zweimal hat er geheiratet, um seine geliebte Heimat zu verlassen. Ach, aus Kuba kommen Sie. Interessant! Und was machen Sie so?“

Diese Smalltalkereien. Roman redete gerne und auch viel. Aber bitte nicht mit Leuten, die sich nicht ernsthaft für ihn interessierten. Denen nur die Frage nach dem Machen einfiel. Als ob es darum geht, was einer macht. Was einer ist, darum geht es. Nein, wie einer ist. Ist er ehrlich? Ist er lebenshungrig? Vorurteilsfrei?

All das war Roman. Und er war unabhängig.

Auf Kuba war es nicht leicht, unabhängig zu sein. Viel zu viele Zwänge gab es da. Lebe hier und nicht dort! Studiere Agrarökonomie und nicht Medizin! Überlege dir, was du sagst!

Es ging seiner Familie nicht schlecht, sie war eher unpolitisch, der Vater Beamter. Dass Roman in dieser kleinen Welt nicht bleiben konnte, war trotzdem früh schon klar. Er führte einen Wettstreit mit seiner Schwester: Wer kommt früher von der Insel. Roman heiratete eine Mexikanerin, doch es nützte nichts. Weil es Unstimmigkeiten zwischen Kuba und Mexiko gab, verwehrten die Mexikaner dem Frischvermählten die Einreise. Er ließ sich wieder scheiden und wartete auf die nächste Gelegenheit.

Seinen Studienplatz verlor er wegen des Ausreiseantrages nach Mexiko. Und er bekam noch andere Dinge mit, die die Sehnsucht nach der Ferne mehrten. Spitzelbesuche zum Beispiel: Berichten Sie doch mal, wen Sie auf der Party mit den Ausländern neulich gesehen haben! Hätten die Geheimdienstler eine kleine Ahnung gehabt, wie Roman tickte, was für ihn Aufrichtigkeit bedeutete, sie hätten sich den Weg zu ihm gespart.

Letztlich gewann Roman den Wettbewerb mit der Schwester knapp. Ihrem Mann war die Ausreise nach Schweden gelungen, doch sie musste noch warten. Erst als ihr Kind vier Jahre alt war, durfte sie nachziehen. Ein Jahr zuvor, 1993, hatte Roman Frank kennen gelernt, einen Berliner auf Kuba-Urlaub. Die beiden verliebten sich. Und sie beschlossen, miteinander alt zu werden. Frank lud Roman zu sich ein, ganz offiziell.

Für drei Monate Deutschland genügte das. Für mehr musste Roman abermals heiraten. Aber wen? Frank hätte selbstverständlich Ja gesagt. Nur war das Land noch nicht so weit, Männer Männer heiraten zu lassen. Die Freundin eines Freundes, ihrerseits mehr an Frauen als an Männern interessiert, lernte Roman kennen. Dass sie sich in ihn verliebte – das wäre übertrieben. Aber wenn es schon darum ging, einen Mann zu heiraten, dann diesen hier!

Es gab die Hochzeit, es gab ein Fest, und Hochzeitsfotos selbstverständlich auch. Hochzeitsfotos waren wichtig: Hätte ja jemand die Ernsthaftigkeit des Unternehmens anzweifeln können. Da es der Gesetzeslage nicht entsprach, soll Romans Nachname nicht in der Zeitung stehen.

Er ist Kubaner geblieben, das war ihm wichtig. Jedes Jahr besuchte er die Eltern auf der Insel und die dort gebliebenen Freunde – die meisten hatten es Roman gleichgetan und wohnten inzwischen nicht mehr dort. Er behielt sein kubanisches Spanisch. Viele Exilkubaner gewöhnen sich so schnell wie möglich den Akzent ab. Deren Vorbehalte gegen die Heimat hatte Roman nicht. Er war ja frei, er konnte leben, wo er wollte.

Frank, sein Freund, hat gerne fotografiert, Gebäude, Plätze, Blumen. Warum denn keine Menschen?, fragte Roman ihn. Seitdem fotografierte Frank Roman. Im Hintergrund die Gebäude, Plätze, Blumen. Unzählige Fotos sind geblieben, allein der Hintergrund gibt Aufschluss über das Entstehungsjahr. Roman sieht immer und überall genauso aus: der strahlend stolze Blick, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als Vordergrund zu sein, die Sonnenbrille ins kurze Haar geschoben, die Haut nicht braun gebrannt, sondern braun geerbt, der Körper wohl geformt, das Alter stets dasselbe: unschätzbar. Vielleicht Mitte dreißig?

Roman ahnte, dass er nicht alt werden würde. Das mochte auch ein Grund sein, weshalb er so großen Wert auf die Freiheit legte. Die Freiheit, ein schönes Leben zu leben.

Er hatte eine Stoffwechselkrankheit, die ihn nicht sehr beeinträchtigte. Bis er im vergangenen Herbst am Herzen operiert werden musste. Eine riskante Angelegenheit. Er schrieb vor der Operation einen Abschiedsbrief an Frank.

Nach der Operation konnte er schnell wieder nach Hause, es ging ihm gut, er zerriss den Brief. Am Tag darauf erlitt er den tödlichen Herzinfarkt.

Zur Trauerfeier kamen mehr als 100 Freunde. Keine Mitarbeiter, Chefs, Konkurrenten oder anderweitig Machende. Einfach Freunde. Vollzählig waren sie bestimmt nicht, denn die kubanischen leben auf der ganzen Welt.

Roman wird auf Kuba beerdigt, der Insel, die seine Heimat blieb, auch wenn er auf ihr nicht bleiben konnte.

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