• ROSEN, TULPEN, NELKEN Hauptsache billig: Wie Aldi & Co den deutschen Floristen Kunden abnehmen: Die Blumenhändler sehen rot

ROSEN, TULPEN, NELKEN Hauptsache billig: Wie Aldi & Co den deutschen Floristen Kunden abnehmen : Die Blumenhändler sehen rot

Am Muttertag blüht das Geschäft. Dann sind vor allem Rosen gefragt. Doch danach sieht es für die Branche traurig aus

Maren Peters

In der Welt der Baumschulen würde man Benno Kierey wohl als altes Gewächs bezeichnen. „Ich bin quasi in der Blumenhalle groß geworden“, sagt der Blumenhändler aus Steglitz, der das Geschäft von seiner Mutter übernommen hat. Es ist halb sieben Uhr morgens, Kierey hat gerade drei Kisten Hängegeranien beim Großhändler an der Friedrichstraße gekauft, viel mehr wird es heute nicht werden für ihn. „Morgen ist 1. Mai, da gehen die Leute doch lieber saufen als Blumen zu kaufen“, meint der stämmige Mittfünfziger. Nur wegen der Blumen kommt Kierey sowieso nicht. „Ich will vor allem Kontakt zu den alten Gärtnern halten“, sagt er. „Sonst könnte ich mir die Sachen gleich vom Holländer vor die Tür stellen lassen.“ Auf die ist der Berliner gar nicht gut zu sprechen. „Hier wird doch alles kaputtgemacht von den Großen“, schimpft er.

Dass der Verdrängungswettbewerb wächst, liegt auch daran, dass immer weniger Blumen verkauft werden. Bei weitgehend stabilen Preisen ist der Umsatz mit Schnittblumen seit dem Jahr 2000 in Deutschland um zehn Prozent zurückgegangen (siehe Grafik), zuletzt waren es knapp 3,2 Milliarden Euro. Das hat die Konzentration in der Branche vorangetrieben, auch auf dem Berliner Blumenmarkt. Von den 120 Großhändlern, die hier Anfang der 70er Jahre noch einen Stand hatten, sind heute noch knapp 20 übrig.

Für das Welken der Branche gibt es viele Gründe. Erst kam der Euro, der vieles verteuerte. Dann kam die Wirtschaftskrise, die Blumen zum Luxus machte, und – als hätte das nicht schon gereicht – kamen auch noch Einzelhändler wie Aldi, Rewe und Kaiser’s, die Pflanzen als billige Lockartikel an die Kasse stellten. Seitdem kaufen viele Kunden ihre Tulpen zusammen mit der Milch im Supermarkt. „Bei den Preisen kann ich nicht mithalten“, sagt Fachhändler Kierey.

Die Hoffnung, dass mit steigenden Einkommen und sinkender Arbeitslosigkeit wieder mehr Geld für schöne Blumen übrig bleibt, hat sich seit Jahresbeginn nicht erfüllt. „Bislang lief es schlechter als im Vorjahr“, sagt Richard Niehues von der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle der Landwirtschaft (ZMP) in Bonn. Daran konnte auch der umsatzstarke Valentinstag im Februar nichts ändern. Jetzt hofft die Branche auf den Muttertag.

Schon seit halb vier Uhr werden im Großmarkt an der Friedrichstraße die Blumen verkauft, die wenige Stunden vorher angeliefert worden sind. In der 6500 Quadratmeter großen, gut gekühlten Verkaufshalle warten in Hunderten von Kübeln und Töpfen Rosen und Ranunkeln, Orchideen und Pelargonien auf Abnehmer wie Benno Kierey. Er schlendert durch die Reihen, wirft prüfende Blicke auf die Preise, grüßt links und rechts.

Kierey kauft sechsmal pro Woche frühmorgens hier ein, anschließend fährt der Händler zurück nach Steglitz, wo er bis abends um sieben im Laden steht. Er hat viele Fachgeschäfte verschwinden sehen in den vergangenen Jahren. In Berlin zählt der Fachverband Deutscher Floristen noch rund 350 Blumen-Fachgeschäfte. Kaufen könne man Blumen aber an rund 2000 Orten der Stadt, schätzt Verbandschef Winfried Damerius. Seit große Handelsketten wie Aldi oder Kaiser’s Tulpen und Nelken zu Kampfpreisen von 1,99 Euro oder weniger fürs Zehnerpack anbieten, sind die Umsätze der Traditions-Floristen zurückgegangen. „Vor allem den kleinen Geschäften geht es nicht so gut“, sagt Damerius. „Ich befürchte, dass die Zahl der Fachhändler weiter zurückgeht.“ Nach einer Untersuchung der ZMP werden noch 56 Prozent der in Deutschland verkauften Blumen im Fachhandel verkauft, 13 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel, der Rest auf Märkten, in Gartenbaucentern und im Internet. Doch nicht nur die aggressiven Preise von Aldi &Co setzen dem Blumenfachhandel zu, sondern auch die steigenden Energiekosten, die den Gewinn schrumpfen lassen. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Verbandspräsident Damerius. Die gestiegenen Kosten über höhere Preise an die Kunden weiterzugeben, sei „nicht vermittelbar“, meint er. Sie würden dann noch viel öfter ihre Blumen im Supermarkt kaufen. 38 Euro gab jeder Deutsche im vergangenen Jahr im Schnitt für Blumen aus.

In der Blumengroßhalle sind die Kübel um acht Uhr morgens noch gut gefüllt. Neben Nelken und Gerbera mit gelben und orangefarbenen Blüten recken auch die unangefochtenen Stars der Blumenläden die Köpfe: Rosen. Am Stand von Großhändler Peter Skowasch tragen die dunkelroten, samtig schimmernden Exemplare Namen wie „Grand Amore“ oder „Grand Prix“. Auf sie werden es die Kunden in der kommenden Woche vor allem abgesehen haben: „Vor dem Muttertag kaufen die Kunden alles, was rot ist“, sagt Robert Kilian, der für Skowasch die Stellung hält. „Am liebsten rote Rosen.“

Bis zu einem Drittel mehr setzt der Großhändler in der Woche vor dem Muttertag normalerweise um, wegen der Verwirrung um das richtige Datum (siehe Kasten unten) könnte die Nachfrage in diesem Jahr schon Anfang dieser Woche anziehen, erwartet Kilian. Die Preise dann auch.

Die werden allerdings nicht in Berlin gemacht, sondern an der Blumenbörse Aalsmeer in Holland, der größten der Welt. Auch die meisten Berliner Blumen kommen von dort. Wenn die Nachfrage steigt, und die Blumenzüchter nicht genug liefern können, klettern auch die Preise. „Alles, was rot ist, wird in der nächsten Woche teurer“, prophezeit Großhändler Kilian.

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