Wirtschaft : Rot-Grün läßt Aktien der Konsumgüterindustrie glänzen

ULF SOMMER (HB)

Gemäß der Regel "Politische Börsen haben kurze Beine" verpuffte nach dem rot-grünen Wahlerfolg die Belebung der Konsumwerte.Analysten und Anleger gingen rasch wieder zur Tagesordnung über; gleichwohl geben die meisten Analysten die Hoffnung auf eine Belebung der Binnennachfrage nicht auf.

Als "sehr kurzfristige und kurz gedachte Reaktion des Marktes", bezeichnet Antje Witte, HSBC Trinkaus, die Kursgewinne der Konsumwerte."Die von Gerhard Schröder versprochene Nettoentlastung kommt, wenn sie denn überhaupt kommt, erst 2001/2002.Der Durchschnittshaushalt wird enttäuscht", glaubt die Analystin."Durch Umverteilung der Lasten werden die Einkommen wieder belastet", sieht auch ihre HSBC-Trinkaus-Kollegin Ursula Nonninger keine Ausweitung der Konsumnachfrage.

Rot-Grün hin oder her, nach sechs mageren Jahren verbessert sich das Konsumklima ohnehin in nächster Zeit, glaubt Hypo-Vereinsbank-Analyst Max Resch.Gründe sind ein zunehmend auf die Binnennachfrage gestütztes Wirtschaftswachstum und die Erwartung, daß 1999 erstmals seit sechs Jahren die Einzelhandelsumsätze wieder steigen.Resch sieht aber einen psychologischen Effekt für eine Ausweitung des Konsums: Vielen Verbrauchern werde es so erscheinen, als ob sie nach höheren Tarifabschlüssen und steuerlichen Entlastungen mehr Geld in der Tasche hätten.In den Hintergrund trete, daß dieses Plus durch die Erhöhung indirekter Steuern aufgezehrt werde.

Der Gesamtbranche sagt Resch nach der guten Performance seit Jahresbeginn eine unterdurchschnittliche Entwicklung voraus.Einzig die Bielefelder Einzelhandelsgruppe AVA setzt er auf seine Kaufliste: "Die schlechten Zeiten sind vorbei, bis zum Jahr 2000 gehen die Gewinne deutlich nach oben." Als "Verkauf" bewertet er dagegen Karstadt, Spar und Fielmann.Der Brillenhersteller verweise zwar auf Umsatz- und Ergebnissteigerungen, dies aber nur im Vergleich zum katastrophalen Jahr 1997 mit dem schweren Einbruch im Zuge der Gesundheitsreform.Die negative Brancheneinschätzung teilen die meisten Analysten jedoch nicht."Fielmann ist ein gut geführtes Unternehmen mit klarer Strategie und einem wesentlich stärkeren Turnaround als erwartet", hebt Mark Unger, Oppenheim Finanzanalyse, hervor.Er setzt das mittelfristige Kursziel auf 82 DM.

Für Klaus-Peter Valter von der Frankfurter Sparkasse 1822 ist die Bildung der neuen Regierung "das beste Ergebnis" für Konsumtitel.SPD und Grüne werden seiner Meinung nach die Konjunktur ankurbeln, auch auf die Gefahr hin, daß die Inflation zunimmt."Steuer- und Rentenreform können jetzt schnell angegangen werden, da die SPD auch über die Bundesratsmehrheit verfügt", pflichtet Joachim Bernsdorff von der Banque Nationale de Paris bei: "Wer jetzt investieren will, der sollte in deutsche Konsumwerte investieren."

Wie viele seiner Kollegen (DG Bank, Bayerische Landesbank, HSBC Trinkaus, Independent Research) empfiehlt Bernsdorff Europas größten Handelskonzern Metro.Die SGZ-Bank hebt die Fokussierung auf Europa hervor.Dadurch sei Metro von den Krisen in Rußland und Asien nicht direkt betroffen."Metro hat im allgemeinen Rückgang der Kurse relative Stärke gezeigt", zeigt sich auch Nils Bartram von Hauck & Aufhäuser beeindruckt.Daneben setzt er auf einen kleineren Wert: "Südzucker kauft sich intelligent in Osteuropa ein.Zu Unrecht leidet das Unternehmen unter dem Gerücht, Probleme im Zuckermarkt zu haben."

Von einer positiven Wirkung der Steuerreform ist auch die Analystin Petra Pflaum von der BHF-Bank überzeugt: "Wir gewichten die Konsumbranche überdurchschnittlich." Als Einzelwert setzt sie auf Douglas.Anfang November seien gute Neun-Monats-Zahlen und in Zukunft Akquisitionen im Parfümerie-, Drogerie- und Buchbereich zu erwarten.Stimulierend wirke sich das Weihnachtsgeschäft aus.Konsumankurbelung und Weihnachtsfest sind für Sal.Oppenheim Grund, Douglas auf "Kauf" und den "fairen Wert" auf 110 DM zu setzen.Genau diese Verknüpfung mag HypoVereinsbank-Kollege Max Resch nicht gelten lassen: Keineswegs führe ein steigendes Einzelhandelsgeschäft zu höheren Aktienkursen.Im Gegenteil:"Empirisch ist erwiesen, daß die hohen Umsatzmonate November und Dezember mit die schlechteste Zeit für Einzelhandelswerte an der Börse sind."

Weihnachtsgeschäft, Regierungswechsel und Steuerreform - dem einstigen "Highfligher" Adidas-Salomon, der in den vergangenen Monaten arg gelitten hat, kann dies nach Ansicht der meisten Analysten kaum etwas anhaben.Beinahe unisono wird hervorgehoben, daß sich der weltweit zweitgrößte Sportartikelhersteller in den schwach wachsenden Gesamtmärkten USA und Europa hervorragend behaupte.Engagiert gehe der Konzern die Probleme bei der französischen Salomon durch Anpassung der betrieblichen Abläufe an bewährte Standards an.

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