Wirtschaft : Rote Zahlen für Schwarz-Gelb

Der Aufschwung kommt zu spät: Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Winter um eine Million. Ein schlechter Start für die Regierung – gegen die Misere kann sie kaum etwas unternehmen

Carsten Brönstrup
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Grafik: Tsp/Pieper-Meyer

Berlin - Die Krise ist vorüber, Busse und große Lastwagen sind wieder gefragt. 800 zusätzliche Arbeitskräfte stellt Daimler deshalb ein, zusätzlich bekommen mehr als 500 Lehrlinge und befristet Angestellte eine festen Job. Man vertraue „nach der weltweiten Wirtschaftskrise nun auf einen leichten Aufschwung“, bekannte freudig erregt Gero Herrmann, der zuständige Manager des Autobauers. Denn in Landwirtschaft, Bau und Bergwerken gehe es wieder aufwärts.

Der Schönheitsfehler: Die neue Arbeit entsteht in São Bernardo do Campo, Brasilien – und nicht in den deutschen Werken Stuttgart, Bremen oder Sindelfingen. Ebendort ist die Situation eine ganz andere: Die Produktion der C-Klasse auf der Schwäbischen Alb ist dem Management zu teuer geworden. Das Auto wird womöglich bald billiger im amerikanischen Tuscaloosa hergestellt – dann wären 3000 Arbeitsplätze in Gefahr, munkeln die Betriebsräte in der Zentrale.

Damit steht Daimler nicht allein. In vielen Betrieben setzt das Management derzeit den Rotstift an. Ebay in Dreilinden plant, 400 Beschäftigen zu kündigen. Beim Maschinenbauer Heidelberger Druckmaschinen sind 2500 Leute zu viel an Bord. Die Pleite des Handelshauses Arcandor wird 3100 Menschen den Job kosten. Die neuen Opel-Besitzer um den Zulieferer Magna haben 4500 Stellen auf der Streichliste. Und Siemens erwägt, im Industriebereich die Beschäftigung zu reduzieren – wie stark, ist noch unklar. Auch im Güterverkehr der Deutschen Bahn dürfte die Wirtschaftsflaute Jobs kosten. Das ist nur eine Auswahl – bei Mittelständlern mit einer dünneren Kapitaldecke dürfte die Lage noch dramatischer sein.

Die neue Regierung aus Union und FDP steht damit vor einem denkbar schlechten Start. Mindestens bis zum Frühjahr 2010 dürfte die Arbeitslosigkeit drastisch steigen. Nur über das Ausmaß der nahenden Misere sind die Ökonomen noch uneins: Einige rechnen mit knapp fünf Millionen Arbeitslosen, andere halten den Höhepunkt bei gut vier Millionen für erreicht. Für Angela Merkel und Guido Westerwelle kommt der Niedergang zur Unzeit – im Mai stehen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an, der erste Stimmungstest für das neue Duo.

Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wird darüber entscheiden, welchen Spielraum die Regierung in den kommenden Jahren hat. Bis 2013 wird die Arbeitslosigkeit für zusätzliche Lasten von fast 100 Milliarden Euro für den Bundeshaushalt sorgen, erwartet die Bundesagentur für Arbeit. Hinzu kommen die Lasten der Kommunen. Ohne zusätzliche Beschäftigung können Liberale und Konservative ihre kostspieligen Pläne, von der Bildung bis zur Steuersenkung, rasch begraben.

Dabei hat die Krise den Jobmarkt längst erfasst, die Marke von 3,346 Millionen Arbeitslosen im September sieht nur auf den ersten Blick harmlos aus. „Die Zahlen müssten um mindestens 200 000 höher ausfallen“, moniert Andreas Rees, Deutschland-Chefökonom der Bank Unicredit. Grund: Die Arbeitsagentur hat die Statistik geändert – jetzt tauchen viele Arbeitslose nicht mehr im Zahlenwerk auf, obwohl die Lage nicht rosiger ist als zuvor. Der Jobabbau im großen Stil hat längst begonnen: Binnen eines Jahres hat die Industrie mehr als 200 000 Beschäftigte hinauskomplimentiert. Und das, obwohl viele Betriebe alles versuchen, um Kündigungen zu vermeiden: Sie verhängten Einstellungsstopps, senkten die Löhne und die Arbeitszeit, ordneten Kurzarbeit an, ließen Überstunden und Urlaub abbauen.

Zwar deuten Konjunktursignale derzeit auf Erholung hin – die Zeitarbeitsbranche, die eine höhere Nachfrage nach Arbeit als Erste spürt, beschäftigte im August 60 000 Menschen mehr als auf dem Tiefpunkt im Mai. Doch das Wachstum kommt zu spät und fällt zu schwach aus, um die Jobkrise zu verhindern. „Selbst bei einem starken Wachstum von 2,5 Prozent im kommenden Jahr wird es eine Entlassungswelle geben“, sagt Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Denn bevor die Firmen neue Stellen schaffen, nutzen sie Überstunden und Arbeitszeitkonten.

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