Wirtschaft : Rubelcrash läßt Europas Börsen kalt

FRANKFURT (MAIN)/MOSKAU (rtr/AFP).Die europäischen Börsen haben sich am Freitag nicht von den erneuten Kursrückgangen an der Wall Street und in Tokio anstecken lassen.Die Kurse in Frankfurt, London und Paris zogen merklich an.Auch die Wall Street eröffnete am Freitag nachmittag freundlicher.Die Einschätzung von Bundesbankchef Tietmeyer, es gebe weder eine globale Depression noch eine generelle Schwächephase am deutschen Aktienmarkt beruhigte viele Marktteilnehmer.Auch der Dollar profitierte von neuer Zuversicht.Unterdessen ging die Talfahrt der russischen Aktien und des Rubels weiter.Das von Ministerpräsident Tschernomyrdin angekündigte Anti-Krisen-Programm ließ die russische Währung weiter abstürzen.

"Ich sehe keine weltweite Depression", sagte Tietmeyer am Donnerstag abend.Den Kursverfall an den Aktienmärkten wertet der Bundesbankchef als "gesunde Korrektur".Zinssenkungen lehnt er ab.Die Zinsen seien kein Hindernis für die Wachstumsentwicklung.Zudem könne die Bundesbank Zinsen auch wegen der Europäischen Währungsunion (EWU) nicht senken.Bis Ende 1998 müssen die Zinsen in Euroland auf einem Niveau liegen.Da befände sich Deutschland schon am unteren Rand.

"Wir müssen aufpassen", betonte der Bundesbankpräsident allerdings mit Blick auf die derzeitigen Krisen.Noch hätten die Turbulenzen keine unmittelbaren realwirtschaftlichen Auswirkungen auf die deutsche und die europäische Wirtschaft.Eine Lösung für die Krise in Rußland sieht auch der deutsche Notenbankchef derzeit nicht, zumal es im Moment in Moskau keine handlungsfähige Regierung gebe.Jede längere Verzögerung der Umschuldung für die kurzfristigen Anleihen sei aber problematisch.Tietmeyer würde es begrüßen, wenn auch private Gläubiger eng in eine Lösung einbezogen werden.Der Internationale Währungsfonds (IWF) jedenfalls dürfe Rußland nicht mit neuen Hilfen einen weiteren Befreiungsschlag verschaffen.Die Politik des IWF sei "nicht immer sinnvoll" gewesen, kritisierte Tietmeyer.Generell müßten die Länder dafür sorgen, daß ihre Grunddaten in Ordnung seien."Wer dies schafft, der ist unangreifbar, da kann ein Herr Soros sagen, was er will."

Nach Einschätzung des US-Spekulanten steht Rußland vor einer düsteren Zukunft.Die Regierung steuere in die falsche Richtung, sagte Soros am Freitag.Er äußerte die Sorge, daß der Rubel weiter an Wert verliert.Er bekräftigte seine Forderung nach einem "Geldrat" für Rußland, der sicherstellen solle, daß jede Rubel-Emission durch harte Währungen gedeckt sei.Nach den Worten Soros reichen Rußlands Devisenreserven aber dafür nicht aus.Um einen solchen "Geldrat" zu verwirklichen, müßten die sieben großen Industrienationen (G 7) weitere 15 Mrd.Dollar zur Verfügung stellen.

Wie Tietmeyer sieht dagegen auch der internationale Währungsexperte Rudi Dornbusch trotz Rußlandkrise und Finanzbeben in Japan nicht die Gefahr einer weltweiten Rezession.Mit den USA und Europa sei der Kern der Weltwirtschaft stabil, sagte der Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Rottach-Egern.Der Motor der Weltkonjunktur, die USA, laufe rund.In Europa werde sich das Wachstum voraussichtlich durch die Krisen etwas verlangsamen, bleibe aber stabil.In den nächsten 15 Jahren werde Europa sogar zur wachstumsstärksten Region weltweit avancieren.Als größter Bremsklotz der Weltkonjunktur werde sich dagegen Japan erweisen, dessen Regierung praktisch bankrott sei.Auch die Situation in Rußland sei "schrecklich", aber "nicht so wichtig", da Moskau keine so bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft spiele.

Der russische Rubel befindet sich unterdessen im freien Fall.Am Freitag mußten bereits 16,99 Rubel für einen Dollar gezahlt werden, am Vortag waren es noch 13,48.Die Nachrichten aus Moskau geben zudem wenig Anlaß zur Zuversicht.Mit einem einschneidenden Notprogramm will Tschernomyrdin das Land aus der Krise führen.Sein Programm laufe auf eine "Wirtschaftsdiktatur" ab Januar nächsten Jahres hinaus, kündigte Tschernomyrdin an.Kernpunkte sind die Anbindung des Rubels an die Gold- und Devisenreserven des Landes, eine Erhöhung der Geldmenge zur Begleichung der Staatsschulden, eine Steuerreform und staatlichen Schutz für die Wirtschaft.Zu den Plänen, den Rubel an die Gold- und Devisen-Reserven des Landes zu koppeln, äußerte sich Finanzminister Theo Waigel kritisch.Wenn man den Rubel an etwas binde, müsse auch die Kraft vorhanden sein, die Währung zu verteidigen.

Mit dem erneuten Kurssturz am Freitag hat der Rubel seit Beginn der Währungskrise Mitte August annähernd zwei Drittel seines Außenwerts verloren.Dies schlägt sich inzwischen auf die Inflation in Rußland nieder.Im August kletterte die Teuerungsrate auf 15 Prozent nachdem sie im Juli noch bei 0,2 Prozent gelegen hatte.Auch die Talfahrt an der Aktienbörse setzte sich fort.Bei schwachem Handel fiel der RTS1-Interfax-Index führender russischer Aktien zu Handelsbeginn um fast ein Prozent und erreichte mit 60,79 Punkten einen neuen Tiefststand.Seit Jahresbeginn haben die russischen Aktien durchschnittlich rund 85 Prozent ihres Werts eingebüßt.

Auch in der Ukraine steht eine faktische Abwertung der Landeswährung Griwna unmittelbar bevor.Die Zentralbank setzte den amtlichen Devisenhandel vorerst aus.Die Ukraine ist im Sog der russischen Wirtschafts- und Finanzkrise unter erheblichen Druck geraten.

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