Wirtschaft : Rudolf Huth

(Geb. 1925)||Auf seinem ersten Begegnungsfest musste er zu oft mit Raki anstoßen.

Stephan Reisner

Auf seinem ersten Begegnungsfest musste er zu oft mit Raki anstoßen. Zum fünften Geburtstag schenkte ihm der Großvater, ein Berliner Droschkenkutscher, einen lebendigen Hahn. Ob sich der Junge das Tier gewünscht hatte, oder ob es andere Gründe gab, den Hahn in die Wohnung in der Landsberger Allee zu holen – niemand weiß es genau. Fest steht, der Hahn kam ins Badezimmer auf eine vom Vater gezimmerte Stange und krähte jeden Morgen so laut, dass er bald wieder fort musste. Wohin, das hat Rudolf Huth nie erzählt. Er erinnerte sich nur an die guten Sachen. So auch, dass zu Weihnachten immer ein Karpfen in der Badewanne schwamm.

Er war ein Sprachtalent und konnte sich Sachen nicht nur gut merken, sondern sie genauso gut anderen begreiflich machen. Das prädestinierte ihn für den Lehrerberuf. Nur im Zeichnen blieb er zeitlebens eine Niete. Sein Abitur machte er am Grauen Kloster, das ein oder andere Pausenbier hat er mit Kumpel Fredi in der „Letzten Instanz“ getrunken, so jedenfalls eine weitere seiner Geschichten. Aus einem Versteck unterm Auladach ließen er und Fredi Papiertauben über das versammelte Volksempfänger-Publikum im Saal segeln, um dann, nach gewonnener allgemeiner Aufmerksamkeit, ein paar Hände Sand hinterher zu streuen. Sand in die Augen: Ob sie es tatsächlich so politisch meinten? Ob es nur ein Jungenstreich war? Wer weiß.

Wie dem auch sei, die komplette Abiturklasse wurde kurz vor den Prüfungen aufgelöst und als Kanonenfutter in den Endkampf geschickt. Das Reifezeugnis gab es zum Ausgleich umsonst.

Nach dem Krieg und einer abenteuerlichen Flucht aus französischer Gefangenschaft am 14. Juli 1946 - Motto: „Geschichtskenntnisse helfen weiter im Leben!“ - kehrte Rudolf Huth zurück nach Berlin. Er begann sein Geschichtsstudium, zog nach Kreuzberg und gründete eine Familie. Bereits als 37-Jähriger leitete er die Adolf-Damaschke-Schule in Kreuzberg. Vier Jahre später, 1966, wechselte er als Rektor an die Ernst-Reuter-Schule in Wedding, denn nach dem Schulgesetz durfte er nicht gleichzeitig Beruf und politisches Amt im selben Bezirk auszuüben. Er war Fraktionsvorsitzender in der Kreuzberger SPD. Doch irgendwann hatte er genug von den nächtelangen Diskussionen ohne Beschluss und Abstimmungsergebnis und war fortan nur noch Schulleiter.

Für ihn war die Schule immer ein Ort der Begegnung, des gegenseitigen Respekts und der Individualität. Jahrelang saß sein Rauhaardackel Benny mit in den Konferenzen oder wurde in den Pausen den Schülern zur Obhut übergeben.

Integration nach innen und Öffnung nach außen – mit diesem Rezept reagierte er auf die Veränderungen in Wedding seit Beginn der Siebziger. Es kamen immer mehr Gastarbeiterkinder in die Schule. Er organisierte Feste und türkische Kochkurse, suchte den Kontakt zu den ausländischen Eltern und führte ein dreigliedriges Unterrichtssystem ein, in dem deutsche und türkische Lehrer zusammenarbeiteten. Neue Kollegen aus Westdeutschland lud er zum Essen ein, zeigte ihnen sein Berlin und ließ sich von ihnen zu Reisen in die Pfalz, nach Hessen oder Bayern anstiften.

Legendär war sein erstes deutsch-türkische Begegnungsfest. Keinem seiner Gäste mochte er das Freundschaftsglas Raki ausschlagen. Der Taxifahrer, der ihn hinterher nach Hause an die Hasenheide brachte, fuhr sehr vorsichtig: Seinem Fahrgast war von Anfang an schon übel genug.

Für seine „Modellarbeit mit ausländischen Schülern“ bekam Rolf Huth 1974 das Bundesverdienstkreuz. Mit einem gewissen Stolz ließ er es tief in der Schublade verschwinden. Die Entwicklungen im Schulwesen verfolgte er nach seiner Pensionierung 1988 mit Respekt – und auch Kritik: „Niemand traut sich mehr, Entscheidungen zu treffen.“

Im letzten August starb sein alter Kumpel Fredi. Vier Monate darauf folgte ihm Rudolf Huth.

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