Wirtschaft : Rudolf Wiederanders Geb. 1898

„Ruderknecht“ nannte ihn Charlotte. Sie saß hinten mit dem Picknickkorb.

Thomas Loy

Der Kaiser hat ihm das Abitur vermasselt. War nicht mehr zu gewinnen, dieser dumme Krieg, und doch musste er hineinziehen. Dann schmiss der Kaiser alles hin, die Revolution brach aus, und Rudolf Wiederanders hatte bald genug von dem ganzen Schlamassel. Am 9. November 1918, als seine Kameraden in der Kaserne rebellierten, packte er seine Sachen und ging zu seinen Eltern nach Berlin, Prenzlauer Berg. Das mit der Revolution gefiel ihm gar nicht, erzählte er 80 Jahre später einem englischen Reporter. Er war ein Mensch ohne Leidenschaften. Ohne große Worte. Ein Ruderer. Von Umstürzen und Protestwellen hielt er sich fern. Wie sonst hätte er 106 Jahre in dieser Welt durchhalten können?

Das früheste Zeichen seiner Existenz ist ein Foto, das Rudolf mit seinen drei Geschwistern zeigt. Die Jungs tragen Knickerbocker, die Mädchen Schleifen im Haar. Rudolf, der Älteste, hält seine Handflächen an die Hosennaht. Nur die Ohren stehen etwas ab. Das braunstichige Foto wirkt verwaschen, die Gesichter der drei Geschwister entgleiten langsam ins Unscharfe. Sie sind lange vor Rudolf gestorben. Auch die Konturen der Umgebung lösen sich auf. Der kurze Moment, fixiert im Jahr 1908, wird bald ein Nebel sein.

Der Reporter interviewte 1998 einen Briten, einen Franzosen und einen Deutschen. Alle drei um die hundert Jahre alt. Sie sollten vom Krieg berichten. Rudolf erzählte, wie er im Morast vor den englischen Linien seine Stiefel verlor, wie er Gas einatmete und als Gegenmittel Schnaps bekam, wie er zurück in Berlin einen Zug voller Revolutionäre ausheben sollte und auf Frauen stieß, die Kartoffeln nach Hause brachten. Es war nichts Heldenhaftes in seiner Erzählung.

Kurz bevor der nächste Krieg begann, machte Rudolf Urlaub in den Alpen. Er war jetzt ein kräftiger, gut aussehender, modisch gekleideter Mann. „Charlotte mit der Kiekmaschine“, schrieb er unter ein Foto, das er mit seiner neuen Kamera schoss. Es zeigt eine schöne junge Frau mit Fernglas. Sie wurde seine Ehefrau: Charlotte. In den Krieg ziehen musste Rudolf jetzt nicht mehr, weil sein Betrieb kriegswichtige Gussformen herstellte. Den Hitler mochte er trotzdem nicht.

Den Ulbricht später auch nicht. Dessen schlechte Zahlungsmoral brachte seinen Betrieb anno 1953 an den Rand des Ruins. Rudolf musste sich bei seinen Schwiegereltern und einem Ruderkameraden Geld leihen, um die Löhne zahlen zu können. Er überlegte, in den Westen zu gehen, blieb dann aber doch. Mit riskanten Entscheidungen tat er sich schwer. Nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands zahlte Ulbricht seine Schulden. Einer wie Rudolf, ein selbstständiger Handwerker, passte zwar nicht in den Sozialismus, konnte dem Sozialismus aber sehr nützlich sein, solange die Devisen fehlten, um im Kapitalismus einzukaufen. Rudolf und seine Werkzeugmacher konnten Ersatzteile für Maschinen originalgetreu nachbauen. Wenn die Unterhändler vom Planungsministerium mit einem Wunschzettel kamen, legte Rudolf die Stirn in Sorgenfalten – und ließ sich mit einem Satz erweichen: „Geld spielt keine Rolle.“

Rudolf Wiederanders liebte die DDR nicht, aber er gewöhnte sich an sie. Mit dem Rudern war es anders. Im steten Schlag der Ruderblätter fand Rudi, so hieß er in der „Rudergemeinschaft Grünau“, seinen inneren Rhythmus. Wenn er ruderte, wollte er gar nicht mehr aufhören. „Ruderknecht“ nannte ihn Charlotte, die hinten saß, den Picknickkorb auf den Knien. Wenn er nicht ruderte, wanderte er. Oder er las Zeitung. Solange es die Mauer nicht gab, den Tagesspiegel, weil er den SED-Blättern misstraute. Jeden Tag fuhr er deshalb mit der S-Bahn über die Sektorengrenze.

Das letzte Zeichen seiner Existenz ist wieder ein Foto. Es zeigt einen lächelnden Herrn mit vollen weißen Haaren, großer Brille und immer noch leicht abstehenden Ohren. Der obere Hemdknopf ist zu. So gehörte sich das schon, als der Kaiser lebte.

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