Wirtschaft : Rückfall ins Stimmungstief

Die Verunsicherung deutscher Firmen und Verbraucher hat überraschend wieder zugenommen – der Weltkonjunktur zum Trotz

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die deutsche Wirtschaft ist überraschend in ein weiteres Stimmungstief gefallen. Obwohl die Weltkonjunktur brummt und die Exportaussichten gut sind, beurteilen die Unternehmen ihre Lage so pessimistisch wie lange nicht mehr. Der am Freitag veröffentlichte Geschäftsklima-Index des Münchener Ifo-Instituts, der die Stimmung in 7000 deutschen Unternehmen widerspiegelt, brach im Juni regelrecht ein. Auch an den Börsen war die Enttäuschung spürbar: Der Dax konnte seine anfänglichen Kursgewinne nicht verteidigen und schloss am Abend nur noch mit einem leichten Plus von 0,2 Prozent bei 4013,35 Zählern. Die amerikanische Wirtschaft ist zu Jahresbeginn um 3,9 Prozent und damit langsamer als erwartet gewachsen.

„Der Aufschwung ist zwar da, aber er ist relativ blutlos“, sagte Ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb am Freitag in München. Vor allem die deutschen Verbraucher und kleinere Unternehmen seien weiterhin verunsichert. Am Arbeitsmarkt sei keine echte Entspannung in Sicht. Laut Ifo beurteilten die Unternehmen zuletzt sowohl ihre aktuelle Lage als auch die künftigen Geschäftsaussichten schlechter. Die Stimmung trübte sich quer durch alle Branchen ein, besonders deutlich aber im Einzel- und Großhandel. Experten hatten hingegen mit einer Aufhellung gerechnet. „Wir waren auch überrascht“, sagte Nerb. Im Mai war der Index wegen der hohen Ölpreise leicht zurückgegangen. Im Juni brach er nun überraschend von 96,0 auf 94,6 Punkte ein – den niedrigsten Stand seit September 2003.

„Diese Zahlen sind ein Schock“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Investmentgesellschaft Invesco. Beunruhigend sei weniger die pessimistische Einschätzung der aktuellen Lage, da die Auftragsbücher voll seien. Grund zur Sorge gebe vielmehr der trübe Ausblick der Unternehmen. „Dies ist eine Reaktion darauf, dass das Wachstum der Weltwirtschaft möglicherweise schon bald seinen Höhepunkt erreicht hat“, sagte Krämer. Eine gesunde Wirtschaft könne mit diesem Risiko leben. Die wegen des Reformstaus geschwächte Binnennachfrage in Deutschland sei aber nicht in der Lage, eine Abkühlung der Weltkonjunktur auszugleichen.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) forderte, alle „Verunsicherungen“ zu vermeiden. Diskussionen etwa über Steuererhöhungen seien Gift für die Konjunktur, sagte er. Dennoch betonte Clement: „Der Aufschwung ist da.“ Die Lage sei allerdings noch nicht stabil.

Ihre Hoffnungen muss die deutsche Wirtschaft – wie schon in der Vergangenheit – allein auf den Export setzen. „Die Exporterwartungen belegen zwar, dass Deutschlands Exportindustrie dem stürmischen weltweiten Konjunkturaufschwung folgt“, sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Die Binnennachfrage stagniere aber, weil sich die Beschäftigung von der Produktion abkoppele. „Der Funke aus dem Export springt nicht über“, sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus&Burkhardt. Da der Staat zur Kompensation die Steuern nicht weiter senken könne, sei die Arbeitslosigkeit eine „handfeste Belastung für die Nachfrage“. Ifo-Volkswirt Nerb machte zudem psychologische Gründe für die Unsicherheit verantwortlich. „Bei den kleineren Unternehmen und den Verbrauchern ist das wie bei unserer Fußballmannschaft: zu defensiv.“

Schwächer als vorausgesagt legte im ersten Quartal auch die US-Wirtschaft zu. Nach endgültigen Berechnungen des Handelsministeriums wuchs sie um 3,9 Prozent – statt wie erwartet um 4,4 Prozent. Gleichzeitig beschleunigte sich die Inflation. Dies werten Experten aber positiv, weil der US-Konjunktur keine Überhitzung droht. Damit werde die Erwartung einer moderaten Zinserhöhung der US-Notenbank kommende Woche gestützt.

GESCHÄFTSKLIMA

Einmal im Monat befragt das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung rund 7000 Unternehmen. Sie geben an, wie sie ihre momentane Lage einschätzen und was sie in den kommenden sechs Monaten erwarten. Der aus den Ergebnissen gebildete Geschäftsklima-Index gilt als wichtiger Stimmungsindikator für die deutsche Wirtschaft. Die Börse verfolgt ihn aufmerksam, weil er Hinweise auf den weiteren Konjunkturverlauf gibt.

WENDEPUNKTE

Viele Experten hatten im Juni mit einer Trendwende des Ifo-Index gerechnet – zumal das erst am Dienstag

veröffentlichte Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische

Wirtschaftsforschung (ZEW) nach Verlusten im Mai wieder zugelegt hatte. Statt sich der Marke von 100 zu nähern, nahm der Ifo-Index aber weiter ab. Fällt der Wert drei Monate lang, steht die Wirtschaft vor einem weiteren Abschwung – oder gar einer Rezession. mot

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