Wirtschaft : Rückzug auf die Insel

Das „Alcove Highback Sofa“ der Brüder Bouroullec hat Geschichte gemacht

Rolf Brockschmidt

Raum ist in der kleinsten Hütte, sagt das Sprichwort. Aber was ist, wenn man viel Raum zur Verfügung hat und dennoch einen intimen Rückzugsort haben möchte? Ein Sofa ist immer ein geeigneter Ort, sich auszuruhen und abzuschalten, doch im Allgemeinen hat ein Sofa eine anständige Rückenlehne und zwei Seitenlehnen – aber das gibt noch keine Geborgenheit. Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec aus Quimper haben mit „Alcove“ eine ungewöhnliche Sitzmöbelserie entworfen.

Vor zwei Jahren entstand das „Alcove Highback Sofa“ für „vitra“, eine wahre Insel der Entspannung. Das mit 2,38 Meter großzügig gestaltete Sofa bietet zwei sehr große, markante Polsterungen, ein üppiger Zweisitzer, auf dem aber locker drei Personen sitzen können. Die Sitzfläche ruht auf einem Rahmen aus verchromtem Stahl mit Gurtpolsterung, die Paneele sind aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die Polsterung der Sitzkissen und Rückenkissen ist relativ dünn, dadurch wirkt das Sofa elegant und leicht. In der Highback-Variante zeigt es aber erst richtig, was es kann. Die Brüder Bouroullec haben hier die Rückenlehne auf 1,63 Meter hochgezogen. Bei einer Tiefe von 84 Zentimetern bietet sich hier reichlich Raum zum diskreten Rückzug. Wer sich dann in die Ecke kuschelt, ist unsichtbar. Und nicht nur das, die hohen Rückenlehnen schlucken auch noch den Schall.

Das eröffnet neue Perspektiven für das Möbel, denn im Duo – einander gegenübergestellt – ergibt sich eine sehr intime Situation, die einen die Welt rundum vergessen lässt. So hat das Sofa bereits Geschichte geschrieben. Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm hat nicht nur der übergroße Strandkorb Furore gemacht, sondern auch das Alcove Highback Sofa. Zehn Einheiten hatte die Bundesregierung bereitgestellt, um in Zweierkombinationen flexible, diskrete Besprechungsinseln zu schaffen. Je dichter die beiden Sofas einander gegenüberstehen, desto besser die Schalldämpfung. So konnten sich die Regierungschefs zu Zweiergesprächen zurückziehen und konnten relativ sicher sein, dass das, was gesprochen wurde, nicht nach außen dringen konnte. Die Schalldämpfung ist wirklich verblüffend und die Atmosphäre ist vertraut-heimelig. Auch die neue Oper in Oslo nutzt dieses Möbel auf ihrer Verwaltungsebene. Es sieht gut aus, ist flexibel und bietet immer einen Rückzugsort. Mit einem kleinen Tisch davor ergibt sich auch eine wunderbare Arbeitsatmosphäre, ohne andere zu stören.

Aber die Brüder haben beim Entwurf dieses Möbels nicht nur an Konferenzen und Politiker gedacht. In diesem Jahr brachten sie eine weitere Variante auf den Markt, den „Love Seat“. Im amerikanischen Englisch ist damit zunächst einmal nichts anderes gemeint als ein kleiner Zweisitzer. Mit 1,26 Metern Breite ist er als üppiger Sessel zu nutzen, bringt aber auch zwei Menschen einander auf Tuchfühlung. Die normale Ausführung hat schon relativ hohe Lehnen, doch bei der Highback-Variante mit der hochgezogenen Rückenlehne entsteht erst das richtige Nestgefühl. In dem Sessel/Sofa kann man dann wirklich die Außenwelt vergessen und im siebten Himmel schweben.

Als Einsitzer hat er auch seine Vorteile, um sich bequem zu lümmeln oder in Ruhe ein Buch zu lesen. Die rückwärtigen und seitlichen Kissen lassen sich variabel einsetzen. So entsteht mit den Alcove Sofas ein Raum im Raum, ein Möbel, das gerade für Lofts oder große Flächen geeignet ist, flexibel Akzente zu setzen. Zur Mailänder Möbelmesse präsentierten sie zudem einen ausladenden Hocker, den man bequem zum Zweisitzer stellen kann, um die Beine hochzulegen.

Die Brüder aus der Bretagne, 1971 und 1976 geboren, gehen ganz lässig an ihre Projekte. Eine Hierarchie der Themen gibt es für sie nicht, „jedes Thema ist interessant, vor allem, wenn wir am Anfang überhaupt nichts darüber wissen“, haben sie in einem Interview gesagt.

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