Wirtschaft : Rückzug von der Wall Street

Die Kosten einer Notierung an der New Yorker Börse sind hoch – zu hoch finden einige deutsche Firmen

Dieter Fockenbrock,Henrik Mortsiefer

Berlin - Noch vor wenigen Jahren galt die größte Börse der Welt als ein absolutes Muss. Jetzt prüfen mehrere deutsche Aktiengesellschaften den Rückzug von der Wall Street. Sogar Siemens, der führende deutsche Technologiekonzern, zieht die Aufgabe der Aktien-Notierung in Erwägung. Schon fest entschlossen, die Leitbörse der Welt zu verlassen, sind dagegen einige kleine Unternehmen: Der Elektrodenhersteller SGL Carbon würde sich nach Aussagen seines Vorstandschefs Robert Koehler lieber heute als morgen zurückziehen. Der Software-Spezialist Intershop hat sein Delisting, wie es im Fachjargon heißt, bereits hinter sich. Bei den meisten der insgesamt 18 in New York notierten Gesellschaften heißt es aber noch: Delisting ist keine Thema.

Hauptgrund für einen Rückzug sind zumeist die hohen Kosten – etwa für Berichte an die Börsenaufsicht SEC, für Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer oder teure Manager-Versicherungen. Vor allem kleinere Unternehmen leiden darunter. Enttäuscht von der Wall Street gibt sich der in Turbulenzen steckende Softwarehersteller Lion Bioscience. „Wir prüfen, ob sich ein Delisting lohnt, weil sich unsere Erwartungen nicht erfüllt haben“, sagt eine Sprecherin. Gemessen an den Aktienumsätzen an der deutschen Börse sei ein Handelsvolumen von maximal fünf Prozent an der Technologiebörse Nasdaq zu gering, um die hohen Kosten der Notierung dort zu rechtfertigen. „2004 hat uns die Nasdaq 400000 Euro pro Quartal gekostet“, sagt die Sprecherin. „Das entspricht sieben Prozent der Gesamtkosten von Lion im kommenden Jahr.“

Inmitten des Börsenbooms, Ende der 90er Jahre, spielten Kosten keine Rolle. Kleine wie große deutsche Aktiengesellschaften drängten an die Wall Street weil sie sich mehr US-Investoren und zusätzliche Reputation durch die strengen Börsenregeln erhofften. Doch diese Erwartungen, schreibt das Deutsche Aktieninstitut in einer Analyse, hätten sich nicht erfüllt. So schwierig der Zugang zur US-Börse schon war, so schwierig ist der Ausstieg. Denn nach den Regeln der SEC muss die Zahl der US-Anleger dafür dauerhaft unter 300 fallen. Eine Bedingung, die vor allem dann schwer zu erfüllen ist, wenn viele Kleinaktionäre eingestiegen sind.

Die Deutsche Telekom hat auch deshalb keine Pläne, das Listing in den USA einzustellen, heißt es auf Anfrage. Durch die Übernahme des amerikanischen Mobilfunkbetreibers Voicestream im Jahr 2001 hatte die Telekom zusätzliche Aktionäre gewonnen, weil ein Teil der Fusion durch Aktientausch abgewickelt worden war.

Der Versicherungskonzern Allianz gibt jedes Jahr 30 Millionen Euro für die Notierung an der New York Stock Exchange (Nyse) aus. „Wir sind uns der hohen Kosten bewusst, aber aktuell haben wir keine Pläne für einen Rückzug“, sagt eine Sprecherin. Allianz-Chef Michael Dieckmann hatte unlängst erklärt, der Konzern habe über ein Delisting nachgedacht, diese Möglichkeit aber wieder verworfen. „Vielleicht brauchen wir in den nächsten fünf Jahren doch eine Akquisitionswährung“, sagt Dieckmann.

„Man kann niemals nie sagen“, räumt ein Sprecher des Siemens-Ablegers Epcos ein. „Ein Rückzug von der US-Börse ist aber nicht geplant.“ Zwar werden auf dem Nyse-Parkett nur 1400 Epcos-Aktien pro Tag gehandelt – in Frankfurt sind es im Schnitt 540000 –, für den deutschen Hersteller von elektronischen Bauelementen ist die Präsenz am US-Kapitalmarkt aber wichtiger als das Kostenargument. Das gilt auch für den zweiten deutschen Siemens-Ableger Infineon. Der Halbleiterkonzern startete zu Boomzeiten und unter der rasanten Führung von Ex-Chef Ulrich Schumacher im März 2000 an der US-Börse. Eine richtige Entscheidung, die nicht zurückgenommen werden soll, wie ein Sprecher betont. „Unsere wichtigsten Wettbewerber stammen aus den USA, da darf Infineon an der US-Börse nicht fehlen.“ Und: 17 Prozent der Anteilseigner sind amerikanische Investoren. 14 Prozent sind es inzwischen bei Schering. Der Berliner Pharmakonzern hat damit sein Ziel, die Zahl der US-Aktionäre zu verdoppeln erreicht. Von Rückzug ist bei Schering daher auch keine Rede.

Gute Gründe, an der US-Börse notiert zu bleiben, hat das Walldorfer Softwarehaus SAP. Etwa ein Viertel der Aktienumsätze werden an der Nyse getätigt. 34 Prozent der frei gehandelten SAP-Aktien werden zudem von privaten und institutionellen Aktionäre aus den USA gehalten. Auch Altana denkt nicht an Rückzug. Mit der Notierung erhofft sich der Pharmahersteller Aufmerksamkeit bei den Verbrauchern in den USA. Denn dort wird auch ein wichtiger Teil der Geschäfte abgewickelt.

Der Graphitspezialist SGl Carbon dagegen kann auf diese Werbewirkung gern verzichten. SGL ist Zulieferer der Stahlindustrie und will sich die Kosten des Listings sparen. Ein Sprecher des Unternehmens begründet auch, warum es heute nicht mehr wichtig ist, amerikanische Investoren in den USA selbst zu locken. Die Pensionsfonds hätten früher nur in New York Aktien kaufen dürfen, jetzt sei das auch in Frankfurt am Main möglich.

Klein aber fein ist hingegen der Anteil der Deutsche-Bank-Aktien, die an der New Yorker Börse täglich den Besitzer wechseln: Im August waren es im Schnitt rund 105000 Papiere am Tag. Zum Vergleich: Im Frankfurter Xetra-Handel waren es 3,7 Millionen. Doch die größte deutsche Bank, die elf Prozent US-Aktionäre hat, kann und will nicht vom US-Kapitalmarkt verschwinden. „Wir müssen als Bank, die in den USA Geschäfte macht, diesen Standard halten“, sagt ein Sprecher. Die Deutsche Bank habe ihre Bekanntheit mit der Börsennotierung gesteigert und stehe international im Wettbewerb – auch um die Gunst der Anleger. Die Kosten, die die US-Aufsicht verursacht, würde das Geldhaus mit einem Börsenrückzug ohnehin nur teilweise sparen. Denn als in den USA tätige Bank unterliegt sie ohnehin der US-Finanzkontrolle.

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