Wirtschaft : RÜDIGER GRUBE

Der Bahn-Chef hat vier Feinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Unter Dampf: Der „Adler“ war 1835 hierzulande die erste Lok. 2010 musste Rüdiger Grube viel Kritik aushalten und seine Leute antreiben, um die Pannen zu bewältigen. Foto: dpa
Unter Dampf: Der „Adler“ war 1835 hierzulande die erste Lok. 2010 musste Rüdiger Grube viel Kritik aushalten und seine Leute...Foto: dpa

Auch nach anderthalb Jahren an der Spitze der Deutschen Bahn wundert sich Rüdiger Grube noch immer über seinen Arbeitgeber. „Ich dachte, der Luftverkehr sei an Komplexität nicht zu überbieten“, erzählt er. „Aber seit ich bei der Bahn bin, weiß ich, dass das nicht stimmt.“

Grube, 59, hatte im abgelaufenen Jahr eine Menge Gelegenheiten, sich über Deutschlands größten Staatskonzern zu wundern. Wohl kein Vorstandschef und kein Unternehmen standen derart im Zentrum der Kritik wie die Bahn. Es schien, als habe der Konzern eine Krise für jede Jahreszeit. 2010 begann, wie es endete: mit massiv verspäteten und ausgefallenen Zügen infolge von Schneemassen und Blitzeis. Der Winter setzte der Bahn zu wie lange nicht – und der Slogan „Alle reden vom Wetter, wir nicht“ aus den 60er Jahren wurde zur steten Antithese des Bahn-Alltags.

Das „Brot-und-Butter-Geschäft“ wolle er in Ordnung bringen, hatte Grube bei seinem Amtsantritt im Mai 2009 gesagt. Jetzt zeigt sich, dass diese Ankündigung beinahe leichtfertig war. Denn der Sparkurs der vergangenen Jahre, das hat Grube rasch erkannt, lässt sich mit ein paar schnellen Manager-Entscheidungen nicht korrigieren. Weder bei der S-Bahn in Berlin noch bei den schnellen ICEs: Im Winter fehlen vor allem Reservezüge, aber auch Personal, das Weichen enteist, Bahnsteige vom Schnee befreit, Lokomotiven repariert oder die Fahrgäste mit Informationen versorgt. „Bei der Eisenbahn gibt es eben keine Verbesserungen von heute auf morgen“, sagt Grube nun.

Auf seinen Vorgänger Hartmut Mehdorn, der jeden Cent dreimal umdrehen ließ, lässt er trotzdem nichts kommen – schließlich sind die beiden Freunde, seit Grube Anfang der 90er Jahre eine Zeit lang Mehdorns Büroleiter war. Nicht einmal das Chaos um in der Sommerhitze überforderte Klimaanlagen lastete er ihm an. Überhaupt hat sich Grube trotz aller Probleme in seinem 300 000 Mitarbeiter zählenden Riesenkonzern im Griff – zumindest in der Öffentlichkeit. Er spricht diplomatisch von „großen Herausforderungen“. Doch das Weiche, Milde in seinem Gesicht ist ein wenig gewichen, seit er die Bahn führt – der Einsatz beinahe rund um die Uhr fordert seinen Tribut.

Vor allem, wenn auch Frau und Kinder spüren, was es heißt, einen Bahn-Chef in der Familie zu haben. Als die Diskussion um Stuttgart 21, den neuen Tiefbahnhof, eskalierte, gab es Drohungen gegen sie von Gegnern des Projekts, ein Brief enthielt weißes Pulver. Der Bau wurde zur umstrittensten Bahnstation der Welt, nachdem die Polizei im Schlosspark Demonstranten heftig attackiert hatte. Sogar live im Fernsehen wurde danach über die Vorzüge von Sackbahnhöfen, Gefahren im Gestein, Tunnelquerschnitte und den Juchtenkäfer verhandelt. Das Ende ist offen – die endgültige Entscheidung bringt wohl erst die Landtagswahl im März.

Dass Grube zugleich 175 Jahre Eisenbahn zu feiern hatte, die Bahn weiter umbaute, für fast drei Milliarden Euro den britischen Arriva-Konzern kaufte und nicht zuletzt die Wirtschaftskrise bewältigen musste, ging in der steten Bahn-Kritik beinahe unter. Der gebürtige Hamburger hat damit zu leben gelernt. Wenn etwas schief läuft, hat er jüngst gesagt, „ist alles Positive über Nacht weg“. brö

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