Wirtschaft : Rüstungsindustrie: George Bush sorgt für Aufträge

Sanda Louven

Mit seinen Plänen für ein Raketenabwehrschild (Missile Defense Shield) mag US-Präsident George W. Bush den Rest der Welt gegen sich aufbringen - eine Gruppe reibt sich zumindest frohgemut die Hände: die Auftragnehmer aus der Rüstungsindustrie. Für einige Unternehmen der Branche, die nach dem Ende des kalten Krieges in eine tiefe Krise stürzten, bedeuten die Pläne endlich wieder gefüllte Auftragsbücher und steigende Aktienkurse. Sollten die Nato-Partner dem Raketenschirm zustimmen, hoffen auch europäische Rüstungsunternehmer auf Aufträge.

Auf amerikanischer Seite ist eine Vorentscheidung über die Profiteure des "Missile-Defense-Plans" bereits gefallen. Vier Konzerne sind bislang Hauptvertragspartner des Pentagon: Das Luftfahrtunternehmen Boeing, das die Leitung des Projekts erhalten hat, Lockheed Martin, Raytheon und TRW. Boeing hat im Januar dieses Jahres einen Vertrag über sechs Milliarden Dollar für die Konzeption des gesamten Missile Defense Systems erhalten. Raytheon und TRW liefern die Komponenten für das System. Sollte sich das Pentagon dafür entscheiden, das Abwehrschild auch auf dem Wasser zu installieren, würde Lockheed Martin davon profitieren, da sie das Wassersystem konzipieren.

Kritiker behaupten, US-Präsident Bush setze sich nur deshalb so vehement für den Missile-Defense-Plan ein, weil die einflussreiche Rüstungslobby starken Druck ausübe. "Das ist absoluter Nonsens", behauptet dagegen Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies in Washington. Diese Auffassung teilen die meisten Experten. Während nämlich ein Raketenabwehrschild einigen Unternehmen große Aufträge beschert, kann es für andere einen Entzug von Einkünften bedeuten. Der Grund: Der Haushalt des Verteidigungsministeriums wird voraussichtlich nicht um die Kosten für ein neues Raketenabwehrsystem erweitert; zusätzliche Ausgaben müssen bei anderen Projekten eingespart werden. "Es wird ein Verteilungskampf der Rüstungsmittel stattfinden, bei dem es ganz klar auch Verlierer geben wird", erklärt ein Militärexperte.

Wer die Verlierer sein werden, wird sich im Herbst zeigen, wenn das Verteidigungsministerium sein Strategiepapier veröffentlicht, in dem die Schwerpunkte für künftige militärische Aufgaben festgelegt werden. Als sicher gilt, dass die Bush-Regierung die Struktur der Streitkräfte anders definieren will als es Bill Clinton getan hat. "Bush will an einem konkreten Beispiel zeigen, dass sich seine Verteidigungspolitik von der Clintons unterscheidet", meint William Hartung vom World Policy Institute in New York. "Deshalb gibt er Missile Defense den Vorrang vor allen anderen militärischen Programmen."

Das unabhängige Congressional Budget Office schätzt die gesamten Kosten des Missile Defense Programms auf 60 Milliarden Dollar bis 2015. Allerdings sind die Schätzungen äußerst vage, da noch nicht feststeht, wie das Abwehrschild genau aussehen soll. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat nach eigenen Angaben von 2001 bis 2005 einen Betrag von 10,4 Milliarden Dollar für die Vorbereitungen zum Aufbau eines Raketenabwehrschilds reserviert. Ob dieses Geld tatsächlich zur Verfügung stehen wird, muss sich zeigen - schließlich verfügen seit kurzem die Demokraten über die Mehrheit im Senat und könnten Bush einen Strich durch seine Ausgabenpläne machen.

Ob auch europäische Unternehmen von einem Raketenabwehrschild profitieren werden, ist nach Ansicht von Fachleuten eine politische Entscheidung: Je eher ein Land seine Teilnahme am Missile Defense Projekt erklärt, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Industrie des jeweiligen Partnerlandes mit Aufträgen bedacht werde. Bundeskanzler Schröder hat bereits versucht, von Bush eine Zusage für die Teilhabe deutscher Unternehmen zu erkaufen: Schon vor Wochen hat der Bundeskanzler angedeutet, dass auch die deutsche Industrie von der Entwicklung des Raketenabwehrschildes profitieren sollte, falls die Nato sich mit unter das Schutzschild stellen wolle.

Auch Beobachter der US-Finanzpolitik in Washington schließen nicht aus, dass einige Zulieferer aus Europa kommen könnten. Von ihrem technischen Know-how kommen am ehesten die britische British Aerospace, die französische Thales und der europäische Flugzeug- und Waffenkonzern EADS in Frage, an dem Daimler-Chrysler mit gut 30 Prozent beteiligt ist. Rainer Hertrich, Chef von EADS, rechnet fest mit Aufträgen: "Wenn das ein Programm wird, in das die Nato-Partner einbezogen werden, dann wird es auch für uns Aufträge geben."

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