Wirtschaft : Rüstungsindustrie in Bewegung

THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

Noch keine Entscheidung über den Käufer der Siemens-SicherheitstechnikVON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

MÜNCHEN.Europas Großindustrie steht in wichtigen Bereichen vor einer Neuordnung.Sei es bei Hochgeschwindigkeitszügen, wo die Siemens AG, Berlin/München, mit der französisch-britischen Gruppe GEC Alsthom in Asien kooperiert oder im zivilen Flugzeugbau, wo das Vier-Nationen-Projekt Airbus unter Beteiligung der Daimler-Benz Aerospace (DASA) AG, München, zur Kapitalgesellschaft wird.Immer stärkere internationale Konkurrenz schweißt Europas Wettbewerber von gestern zusammen und schafft paneuropäische Strukturen.Mit am weitesten ist diese Entwicklung in der Rüstungsindustrie gediehen, die früher als strikt nationale Veranstaltung galt. In Deutschland steht die Dasa im Mittelpunkt der Konzentration.In Frankreich hat der Luft- und Raumfahrtkonzern soeben einen Rückschlag erlitten.Die Deutschen hatten die französische Rüstungsgruppe Matra-Lagardere vergeblich im Ringen um die Verteidigungssparte vom Thomson CSF unterstützt.Was zunächst wie ein sicherer Sieg für das deutsch-französische Duo aussah, wurde nach der Änderung der politischen Großwetterlage in Paris zur schmerzhaften Niederlage.Der Staatskonzern Thomson wurde nur teilprivatisiert und landete zudem bei der Konkurrenz-Gruppe um Alcatel und Dassault.Frankreichs Regierung hat sich gegen eine europäische und für eine rein französische Lösung beim Zusammenrücken der Rüstungsindustrie entschieden, bemerkte Dasa treffend. Noch mögen die endgültigen Konturen schemenhaft sein, aber das große Stühlerücken hat längst begonnen.Für die europäischen Rüstungskonzerne ist es eine Reise nach Jerusalem, bei der für immer weniger autarke Unternehmen Platz bleibt.Dasa-Chef Manfred Bischoff rechnet mit einer Konzentration auf praktisch allen Gebieten der Raumfahrt und High-Tech-Rüstung. Europa zählt heute drei Produzenten für Hubschrauber.Übrigbleiben dürfte einer.Bei Lenkflugkörpern, wo die Dasa sich gerade gesellschaftsrechtlich mit Martra verbunden hat, stehe eine Konzentration von neun auf ein bis zwei Hersteller bevor.Im Militärflugzeugbau soll von fünf Unternehmen eines überleben.Bei Satelliten dürfte die Zahl der Konzerne in Europa von fünf auf ein bis zwei schmelzen.Bei Rüstungselektronik schließlich sollen aus heute acht Firmen drei werden.In diesem letzten Segment steht die nächste Veränderung bevor. Siemens wird demnächst aus der Rüstung aussteigen und seinen Bereich Sicherheitstechnik verkaufen.Zwei Bewerber stehen für die letzte Bieterrunde parat.Das sind die Dasa im Verbund mit British Aerospace und der französische Thomson-Konzern, der Dasa und Matra/Lagardere gerade durch die Lappen gegangen ist.Das garantiert ein hartes Rennen und politischen Zündstoff.Würde Siemens an die Franzosen verkaufen, wäre die französische Rüstungsindustrie mit Blick auf das europaweite Zusammenrücken fraglos in dem Maße gestärkt, wie die deutsche Seite geschwächt.Die Dasa hätte innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal die Chance verpaßt, Speck anzusetzen und das eigene Gewicht im Europa der Rüstungskonzerne zu erhöhen.Siemens würde zumindest hinter vorgehaltener Hand als Vaterlandsverräter beschimpft. Siemens ist aber ein Privatunternehmen, das auf Profitablilität achtet.Anders als im Fall Thomson verkauft hier nicht der Staat, der politischen Erwägungen den Vorrang gibt.Die Thomson-Offerte an Siemens liegt dem Vernehmen nach nahe einer Mrd.DM.Die Dasa soll weniger geboten haben.Es geht bei der Sicherheitstechnik um einen Bereich, der 1,2 Mrd.DM umsetzt, global 4500 Mitarbeiter zählt und zuletzt einen Vorsteuergewinn von 63 Mill.DM verbuchen konnte. Nun existiert Siemens aber auch als Privatkonzern nicht im luftleeren Raum.Wenn in Bonn von maßgeblicher Seite ein Machtwort zum Verkauf gesprochen wird, könnte es das Top-Management nicht ohne weiteres überhören.Zudem steht Siemens in einem konzernhistorisch unvergleichlichen Umbau.Immenser Stellenabbau im Inland drückt immer stärker auf das Verhältnis zwischen Belegschaft und Management.Konzern-Chef Heinrich von Pierer will in diesem Jahr nicht mehr zukunftsträchtiges Geschäft im Umfang von sechs Mrd.DM verkaufen.Daran hängen rund 10 000 Stellen.Im Fall der Sicherheitstechnik hat sich die Belegschaft eindeutig geäußert.Sie plädiert für Verkauf an die Dasa, weil sie durch die Franzosen kräftigen Stellenabbau fürchtet.Sicher kann von Pierer den Willen der Belegschaft ignorieren.Den im Konzern verbleibenden Mitarbeitern würde damit rüde vor Augen geführt, wie Siemens mit Belegschaftsinteressen umspringt.Vielleicht bessert die Dasa ihr Angebot aber auch noch nach.Das würde dem Siemens-Vorstand die Entscheidung leichter machen.Demnächst fallen die Würfel.Noch kann gewettet werden, ob sie Richtung Dasa oder Thomson rollen.

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