Wirtschaft : Rumäniens Großhandel in den Kinderschuhen

CHRISTINA DENZ

Nur langsam entwickeln sich die vielen Bauernmärkte zu landwirtschaftlichen UmschlagplätzenVON CHRISTINA DENZ BUKAREST.Rumäniens Wirtschaftsvertreter ist es ein großes und ehrgeiziges Unterfangen.Seit zwei Jahren wird an dem "Projekt Großmarkt" organisiert, endlich wird es ernst.Der 15.November soll der erste Handelstag für einen Teil der Hallen "PGM" im Süden der Hauptstadt Bukarest sein.Post und Zollstelle sowie Qualitätskontrollen vor Ort erleichtern die Abwicklung der Formalitäten vor allem für Importeure.Sechs weitere Großmärkte (in den Orten Pitesti, Brezoaiele, Movilijta, Giurgiu, Cuza Vodca und Vidra) sollen bis Ende 1998 folgen. Was in den Industrienationen ein selbstverständliches marktwirtschaftliches Instrument ist, erwacht in Rumänien erst langsam zum Leben.Hier bringen die Bauern ihre Produkte noch mit dem Pferdekarren oder in Überlandbussen in die Städte.Ihr Angebot orientiert sich am traditionellen Anbau, kaum an der Nachfrage: Melonen liegen im Sommer in riesigen Halden am Rande der Märkte, Tomaten, Kartoffeln und Kohl wetteifern um die Käufergunst.Längst haben lokale Mafiagruppen den Gemüsehandel im Griff.Mit illegal besorgten Gewerbescheinen kaufen sie den Bauern früh morgens ihre Ware ab und verkaufen sie teuer.Konkurrenz wird mit Drohungen und Handgreiflichkeiten ausgeschaltet.Um so wichtiger ist der Regierung die zügige Verwirklichung des Großmarktprojektes."Die Bündelung der Verkaufskräfte wird zu einer Stärkung des Marktes führen", betonte kürzlich Landwirtschaftsminister Dinu Gavrilescu in Bukarest, "und hoffentlich zu mehr Investoren".Damit machte er die Veränderungen deutlich, die das rumänische Marktsystem dringend nötig hat.Neben einem 25 Mill.US-Dollar umfassenden Kredit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung hilft das Bundesinnenministerium über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mit Beratungs-Hilfe und Sachmitteln.Was die Wirtschaftsexperten in erster Linie leisten, ist die Überzeugungsarbeit gegen ein Marktverständnis, das von 50 Jahren Planwirtschaft geprägt ist."Hier gibt es Vorbehalte gegenüber den Großmärkten, weil die früher auch gleichzeitig als Händler aufgetreten sind", sagt GTZ-Experte Heiner Wille.Auch müsse ein Bewußtsein geschaffen werden, ganzjährig auf dem Markt präsent zu sein."Und außerdem haben die Produzenten hier noch immer eine Aversion gegen die Märkte in Rußland oder der Republik Moldawien", so Wille.In Rumänien schiele man eben noch zu sehr nach dem Westen. Wille und sein Kollege Hans Peter Sauer, der als Wirtschaftsberater das PGB-Projekt in Bukarest begleitet, glauben zudem, daß sich mit den Großmärkten auch das Mafia-Problem lösen wird."Nur wenn die Marktdecke dünn ist, versuchen Leute die Situation für sich auszunutzen", so Sauer.Eine bessere Anpassung an die Nachfrage und eine optimale Belieferung der Händler machen in Zukunft den Obst- und Gemüsebereich für illegale Profiteure uninteressant.Beide Experten versuchen, die Bauern zur Selbstorganisation zu bewegen.In Pite»sti, einem kleinen Kreisstädtchen 100 Kilometer nordwestlich von Bukarest, hat sich so auch die erste Erzeugergemeinschaft von Obst- und Gemüsebauern gegründet.Verpackung, Lagerung und Transport regelt in Zukunft eine Art Genossenschaft.Wille räumt jedoch ein, daß die Gründung etwas zu früh erfolgte, weil der Großmarkt erst im Dezember eröffnet wird."Wir haben riesige Erwartungen geweckt, die in Enttäuschung umschlagen, wenn sich die Öffnung der Hallen verzögert." Mindestens noch zwei Jahre müsse man abwarten, ob sich der Markt umstelle."Dann werden wir sehen, ob die Bauern den Großhandel akzeptiert haben."

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