Wirtschaft : Rundum-Service für den Börsengang

GEORG WEISHAUPT (HB)

Er sieht aus wie ein Mann, der gut hinter einen Bankschalter passen würde: ein freundlicher, ruhiger Typ mit Bürstenhaarschnitt und unauffälliger Brille im dezenten grau-blauen Kombianzug.Der erste Eindruck täuscht.Aber der 33jährige Thorsten Geson will kein Geld rausgeben, er will Kasse machen.Der Vorstand der Ahag AG fahndet nach jungen, aufstrebenden Firmen, um sie zielstrebig aufs Börsenparkett zu führen.

"Wir wollen Newcomern einen Rundum-Service auf dem Weg zur Börse anbieten", erzählt er in seinem Büro in einem alten Zechengebäude am Rande des Ruhrgebietsstädtchens Lünen.Die Zeit drängt.Noch katapultieren euphorische Anleger die Kurse von Börsenneulingen aus der Medien- und der Internetbranche in die Höhe.Aber niemand weiß, wie lange der Motor der Milliardenmaschine das Wahnsinnstempo noch aushält.

Geson will deshalb keine Zeit verlieren.Ein Teil des Firmenverbundes, der für Börsenkandidaten Geburtshelfer spielen soll, steht schon.Da gibt es eine Beratungsfirma, eine Werbeagentur und eine Beteiligungsgesellschaft, die bei interessanten Kandidaten einsteigt, um später beim Börsengang Geld zu verdienen.

Dem ehemaligen Händler an der Düsseldorfer Wertpapierbörse fehlt nur noch ein Kreditinstitut.Das soll sich bald ändern."Wir denken intensiv über die Beteiligung an einer Privatbank nach", verrät der Mann, der die Ahag schon zum größten Handelshaus für Aktien kleiner Firmen aufgebaut hat, die nicht an der Börse gelistet werden.

Die Idee ist nicht neu.Der größte Konkurrent Gesons hat das System bereits bis zur Perfektion entwickelt: der Finanzjongleur Dietrich Walther.Der 57jährige gelernte Import- und Exportkaufmann steuert von seinem Büro in einer ehemaligen Iserlohner Kaserne aus ein kleines Firmenimperium, das er um den früheren Gummibandhersteller Gold-Zack aufgebaut hat.Er bietet aufstrebenden, noch kleinen High-tech-Firmen ein Rundum-Sorglos-Paket auf ihrem Weg zum Kapitalmarkt an.

Der ehemalige Leasingspezialist dominiert die neue Emissionsszene, die sich als Alternative zu den Großbanken etabliert hat."Schon in meiner langjährigen Praxis als Emissionsberater hat es mich gereizt, Unternehmen selbst an die Börse zu bringen, ohne die Hilfe der Banken", plaudert er in seinem Büro, während er immer wieder genußvoll an seiner dicken Zigarre zieht und sich im schwarzen Ledersessel zurücklehnt.Zwischendurch schweift sein Blick immer wieder zu den Börsenkursen bei n-tv ab, die über den Monitor huschen.

Der Emissionspionier interessiert sich nur für Firmen, die "spätestens in 18 Monaten börsenreif sind".Dann will er Kasse machen.Das Walther-System funktioniert so: Die Unternehmensberatung Knorr Capital Partner überprüft den Kandidaten auf Tauglichkeit.Gibt der Unternehmensberater grünes Licht, steigt Gold-Zack mit einer Beteiligung zwischen zehn und 20 Prozent vor dem Börsengang ein und schickt einen Mann in den Aufsichtsrat.

Dann kommen die weiteren Gold-Zack-Firmen zum Zuge.Die Analysten von Value Management & Research schreiben wohlwollende Unternehmensstudien.Die PR- Agenturen Hunzinger und Haslauer streuen positive Unternehmensmeldungen in der Wirtschaftspresse.Und die Gontard & Metallbank sorgt für die optimale Plazierung der Aktien.

Kurz nach der Emission folgt der eigentliche Clou: Walther verkauft einen Teil der Aktien zum Börsenkurs.Der liegt deutlich über dem Preis, den er Monate vorher für die Anteile hingeblättert hat."Das ist unsere Haupteinnahmequelle", gesteht der Iserlohner freimütig.

Die Emissionsmaschine läuft - bis auf einen Fall, wo der Börsengang verschoben werden mußte - wie geschmiert.Die Liste der von Walther begleiteten Newcomer ist lang.Sie reicht von der Softwarefirma Mensch und Maschine über den Altenheimspezialisten Refugium bis hin zum Internetanbieter Endemann.Aktien von 20 Firmen will Eigenkapital-Walther, so sein Spitzname, dieses Jahr vergolden.

Der Erfolgsmensch aus Iserlohn wird in der Finanzwelt zwar bewundert, doch sind seine Methoden zum Teil umstritten."Gold-Zack diktiert den Unternehmern, mit welchen Beratern sie zusammenarbeiten müssen", sagen Marktteilnehmer.Und der Berater eines renommierten Investmenthauses, der ebenfalls ungenannt bleiben will, rügt die hohen Gebühren: "Die nehmen es von den Lebenden." Tatsächlich zählt Gold-Zack zu den teuren Dienstleistern.Da spült ein Börsengang wie der von Refugium mit einem Volumen von 40 Mill.DM einen Betrag von weit über einer Mill.DM in Walthers Kasse.Der Firmenchef nimmt die Kritik gelassen hin."Die Qualität der Dienstleister wird immer wichtiger werden", merkt der "King of Neuemission" an, wie er im Internet genannt wird.Dennoch denkt auch er darüber nach, die Kosten "durch Standarkete zu senken".

Was passiert, wenn die wunderbare Geldmaschine Neuer Markt ins Stocken gerät? Droht dann den erfolgsverwöhnten Emissionsbegleitern der jähe Absturz? "Nein", meint Ahag-Vorstand Thorsten Geson."Es wird aber wichtiger, bei den vielen Angeboten der Firmen die Spreu vom Weizen zu trennen."

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