Wirtschaft : Russen senken Leitzins trotz Rubelschwäche

MOSKAU/WASHINGTON (AFP/dpa).Trotz der anhaltenden Rubelschwäche hat die russische Zentralbank den Leitzins am Freitag mit sofortiger Wirkung von 80 auf 60 Prozent herabgesetzt.Eine Sprecherin der Zentralbank lehnte es zunächst ab, die Entscheidung zu begründen.Die Landeswährung hatte in den vergangenen Tagen weiter an Wert verloren, obwohl der Internationale Währungsfonds (IWF) Rußland eine Milliardenhilfe zur Sanierung der Wirtschaft zugesagt hat.Allein am Freitag verlor der Rubel eineinhalb Kopeken an Wert gegenüber dem US-Dollar.Er wurde am späten Vormittag mit 6,27 Rubel zum Dollar gehandelt.Der Refinanzierungssatz, zu dem die Banken sich kurzfristige Kredite beschaffen können, war erst vor einem Monat von 60 Prozent auf 80 Prozent angehoben worden.Damit sollten die Investoren beruhigt und der russische Rubel gestützt werden.

Die Investoren befürchten, daß die Regierung das Haushaltsdefizit und den Schuldendienst nicht in den Griff bekommt.Ende Mai war der Refinanzierungssatz auf den Höchststand von 150 Prozent angehoben worden, um einen Börsencrash zu vermeiden.Analysten zeigten sich am Freitag besorgt über die Senkung des Leitzinses.Diese komme möglicherweise zu früh, da die Märkte sich noch nicht ausreichend stabilisiert hätten, hieß es.

Der Rubel stand in den vergangenen Tagen besonders unter Druck, weil der Internationale Währungsfonds statt der ursprünglich geplanten 5,6 Mrd.US-Dollar (10 Mrd.DM) vorläufig nur zur Auszahlung von 4,8 Mrd.US-Dollar bereit ist.Der Fonds reagierte mit seiner Entscheidung auf die Probleme der russischen Regierung, ihr Reformprogramm im Parlament durchzusetzen.Bis Ende 1999 soll Rußland insgesamt 15,1 Mrd.US-Dollar zum Aufbau seiner Wirtschaft aus dem Ausland bekommen.Das Parlament muß über noch strittige Punkte des Reformprogramms entweder nach der Sommerpause oder in einer Sondersitzung im August entscheiden.

Die Nachrichtenagentur Interfax hatte am Donnerstag mitgeteilt, daß Rußland den vor vier Tagen freigegebenen Milliardenkredit des IWF inzwischen erhalten habe.4,8 Mrd.Dollar (8,5 Mrd.DM) Soforthilfe seien an die Zentralbank überwiesen worden, hieß es.Zur Verfügung stehen die Mittel damit der sogenannten Abteilung für Auslandsoperationen.Der Kredit ist für die Stützung der Gold- und Devisenreserven der Zentralbank bestimmt.

Der stellvertretende IWF-Generaldirektor Stanley Fischer äußerte unterdessen in Washington die Erwartung, daß das russische Parlament noch im August im Rahmen einer Sondersitzung die ausstehenden Beschlüsse zur Reform des Finanz- und Steuersystems faßt.Wegen der Ablehnung dieser Spargesetze durch die Duma hatte der Internationale Währungsfonds am Montag die erste Kreditrate um 800 Mill.Dollar gekürzt.

Die im September fällige nächste Rate werde nur nach Zustimmung des Parlaments ausgezahlt, betonte der Fonds-Manager.Insgesamt hat der Internationale Währungsfonds Moskau einen Kredit in Höhe von 11,2 Mrd.Dollar für dieses Jahr bewilligt.Die Mittel sind Teil eines Hilfspakets von IWF, Weltbank und anderen Gebern in Höhe von 22,6 Mrd.Dollar über einen Zeitraum von zwei Jahren zur Überwindung der schweren Finanzkrise Rußlands.

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