Russische Embargos : Deutsche Industrie spürt die Krise in der Ukraine

Krieg und Kurse: Der Dax hat sich erholt – doch die Realwirtschaft spürt die Folgen der Krise. Erste Institute korrigieren ihre Prognosen für den Leitindex nach unten.

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Waffenproduzenten profitieren, wenn Krisen eskalieren. Viele andere Branchen leiden. Foto: dpa
Waffenproduzenten profitieren, wenn Krisen eskalieren. Viele andere Branchen leiden.Foto: dpa

Ukraine, Irak, Nahost: Seit Wochen halten Krisenherde die Anleger in Atem. War der Dax nach den ersten Hinweisen auf ein Eindringen russischer Konvois in der Ostukraine noch um 250 Punkte abgestürzt, so legt sich die Nervosität nun etwas nach Krisengipfeln, einem neuen Waffenstillstand in Nahost und Aktionen der USA gegen den IS-Terrorismus im Irak. Der Dax, eben noch von seinem Allzeithoch über 10 000 Punkten bis auf 8900 Zähler abgerutscht, erholte sich inzwischen wieder bis auf fast 9600 Punkte. Ist die Korrektur damit beendet oder drohen neue Verwerfungen?

Die Sorgen rund um die Ukraine sind inzwischen in der Realwirtschaft gelandet. Immer öfter berichten Unternehmen von Einbußen im Russland-Geschäft. Die DZ-Bank korrigierte ihre Prognose für den Dax deswegen um 400 Punkte nach unten und sieht den Leitindex zum Jahresende nur noch bei 9800 statt bei 10 200 Punkten. Bei einer Eskalation seien auch tiefere Kurse denkbar, warnt die Bank. Auch die Commerzbank befürchtet, dass immer mehr Unternehmen krisenbedingte Einbußen drohen könnten. Schwer wiegen dabei nicht die Sanktionen, sondern die allgemeine russische Konjunkturkrise und generelle Sorgen von Investoren vor einer Ausweitung der Spannungen. Das Säbelrasseln ging zuletzt auch weiter: Russlands Präsident Putin drohte etwa mit einem Embargo für europäische und amerikanische Autohersteller.

Keine Sorgen um die Autoindustrie

Treffen würde dies jedoch gerade die deutschen Hersteller nur wenig. Die deutsche Autoindustrie ist auf den Premiummarkt fokussiert, ihr Russland-Anteil liegt dabei nur zwischen zwei und drei Prozent. Zudem gilt die Bann-Drohung nur für importierte, nicht jedoch für in Russland selbst produzierte Fahrzeuge. 2013 wurden jedoch knapp vier Fünftel der an Russen verkauften deutschen Autos direkt vor Ort produziert. Das Center für Automotive Research der Uni Duisburg geht wegen der schwachen Konjunktur in Russland dennoch davon aus, dass 2014 etwa 21 Prozent weniger Fahrzeuge an Russland verkauft werden als 2013.

Welche Folgen die Krisen noch für die Börsen haben könnten, ist unter Experten umstritten. Die Börsenampeln stünden wegen der angespannten Lage in der Ukraine weiter auf Gelb, vermutet etwa Jens Klatt, Analyst bei Daily-FX, dem Research-Service des Brokers Forex. Andere sehen eher den jüngsten Euro- Schwächeanfall als Auslöser für den Dax-Rückgang. Denn auch in Deutschland sind nicht deutsche, sondern vor allem angloamerikanische Anleger aktiv. Sinkt der Euro gegenüber Pfund und Dollar (minus sechs Prozent seit Mai), schmälert das ihre Gewinne, sie verkaufen. Die Käufe der vergangenen Tage werden wiederum vor allem EU-Notenbank- Chef Mario Draghi zugeschrieben, der eine aggressive Öffnung der Geldschleusen in Aussicht gestellt hat.

MAN drosselt die Produktion

Stärker als die Autoindustrie haben der schwache russische Markt und die Krise den Maschinenbau getroffen. Russland sei für die Branche der viertwichtigste Markt, heißt es beim Verband der Maschinen- und Anlagenbauer, der die Branche nun nur noch um ein statt um drei Prozent wachsen sieht. Mit einem Minus von 25 Prozent fährt etwa die VW-Tochter MAN im Russland-Geschäft auf Sparflamme. Ob die Sanktionen, vor allem das Technologie-Exportverbot für den Öl- und Gassektor, für Bremsspuren sorgen werden, sei dabei noch nicht vollends klar, ließ MAN wissen. Allerdings mache der russische Markt nur fünf Prozent am Gesamtgeschäft aus. Die Aktie, seit der 75-prozentigen Übernahme durch VW vom Dax in den M-Dax abgestiegen, zeigt bisher auch keine Kratzer.

Auch Konsum- und Pharmawerte leiden zwar größtenteils nicht unter den Sanktionen, wohl aber unter der russischen Wirtschaftsschwäche: Adidas etwa schockte die Anleger mit einer Gewinnwarnung und einem Kursminus von 16,5 Prozent binnen eines Monats. Der Konflikt habe den Verfall des Rubel beschleunigt und den Russen ihre Kauflaune genommen, hieß es bei Adidas. Auch der Mischkonzern Henkel macht die Probleme in Russland und die Ukraine-Krise verantwortlich für den Umsatzrückgang von 3,5 Prozent im zweiten Quartal. Für den im M-Dax notierten Generika-Hersteller Stada ist Russland sogar der wichtigste Auslandsmarkt. Welchen Anteil der Konflikt am Jahresminus der Aktie von rund 20 Prozent hat, ist nicht zu beziffern. Noch schwächer steht die Metro- Aktie da: Der Handelskonzern wollte seine 70 russischen Großmärkte an die Börse bringen und damit eine Wachstumssparte teilweise vergolden, hat die Pläne jedoch wegen der Sanktionen von Förderbanken vorerst vertagt. Den Anlegern schmeckte die Aussicht auf verpasste Milliardenerlöse gar nicht: sie straften den M-Dax-Konzern mit einem Monatsminus von gut acht Prozent ab.

Fluglinien sind besonders stark betroffen

Besonders krisenempfindlich reagiert die Lufthansa: Auch wenn die Brennpunkte von Kiew bis Mossul nicht zu den umsatzstarken Regionen zählen, so dämpfen die Krisen doch die Reiselust. Gleichzeitig steigen die Treibstoff-Kosten, weil Routen verändert werden mussten. Nicht nur die Lufthansa kann derzeit auf dem Weg nach Asien nicht mehr über die Ostukraine fliegen, und auf dem Weg an den Persischen Golf nicht mehr über den Nordirak. Die Drohung Putins, EU-Fluglinien die Überflugrechte zu streichen, steht weiter im Raum. Gleichzeitig drücken Abwertungen fremder Währungen. So hat der Rubel seit dem Frühjahr 2013 mehr als 20 Prozent verloren, womit Produkte aus der EU für Russen sehr teuer geworden sind und die Rubel-Erlöse deutscher Firmen schrumpfen. Die Lufthansa-Aktie fiel binnen vier Wochen um etwa sieben Prozent.

Gold, traditionell ein Zufluchtsort in Zeiten großer Unsicherheit, konnte bisher nicht vom geopolitischen Krisenmodus profitieren. Das Edelmetall notiert zwar höher als zum Jahresbeginn, aber fast neun Prozent niedriger als vor einem Jahr. Fluchtziel vieler Anleger scheinen vielmehr Bundesanleihen zu sein: Die Renditen zehnjähriger deutscher Staatsanleihen fielen zuletzt auf ein neues Allzeittief von 0,92 Prozent pro Jahr, was eine hohe Nachfrage signalisiert.

Getreide und Brot könnte teurer werden

Auch auf die Preise von Agrarrohstoffen könnte sich die Ukraine-Krise auswirken. Das Land gilt als Kornkammer Europas und ist der drittgrößte Getreideexporteur der Welt, bei Ölsaaten sogar Weltmarktführer. Eine Eskalation würde die Getreidepreise wohl rasch steigen lassen.

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