Wirtschaft : Russische Milch macht’s

Die Landwirtschaft erholt sich von der Sowjetzeit – vor allem dank ausländischer Großinvestoren und staatlicher Hilfe

Über die Rücken der Milchkühe von Tatarinowo wehen ein warmer Güllewind und alle zehn Minuten ein paar Takte Musik. Die schwarz-weißen Rinder regen sich kaum, aber Nadjeschda Petrowa ist von der wohltuenden Wirkung der Beschallung überzeugt. Die Tierzuchttechnikerin führt gerne Gäste durch den nagelneuen Molkereikomplex 50 Kilometer südlich von Moskau. Gut 600 Kühe und Kälber stehen hier in silbrig glänzenden Hallen. Es gibt einen modernen Melkraum mit 40 Plätzen und das Viehfutter enthält Vitamine und Mineralstoffe für jedes Phase im Leben der Milchkuh. „Wir haben hier europäischen Standard“, sagt Petrowa.

Wären alle Molkereien im Umland von Moskau so wie die von Tatarinowo, Alexej Seryakins Leben wäre leichter. Der junge Mann arbeitet für den französischen Joghurt-Konzern Danone, der in Tschechow, ebenfalls unweit von Moskau, die größere seiner zwei Produktionsstätten auf russischem Boden betreibt. Rund 900 Tonnen Milch werden dort täglich zu Joghurt, Quark und Desserts verarbeitet. Seryakin ist mit mehreren Kollegen dafür zuständig, in einem Radius von 800 Kilometern um die Fabrik die nötige Menge Milch aufzutreiben, vor allem aber solche, die seinen Ansprüchen genügt.

„Die Qualität ist leider noch immer ein großes Problem“, sagt der Agraringenieur. Auf dem Land gehörten viele Kollegen noch zur alten Generation. „Die füttern die Tiere nach einem Lehrbuch aus Sowjetzeiten, dabei ist man heute schon viel weiter“, klagt Seryakin. Für gute Milch braucht es aber gutes, ausgewogenes Futter. Ein anderes Problem: Im Sommer wird in Russland 40 Prozent mehr produziert als im Winter. Das liegt daran, dass viele Betriebe noch immer alle Kühe gleichzeitig kalben lassen, anstatt sie in Gruppen aufzuteilen. „Wir suchen aber Molkereien, die ganzjährig gleichbleibende Mengen liefern können“, erläutert der Milchscout. Deshalb arbeiten die musikalischen Kühe von Tatarinowo seit fünf Jahren ausschließlich für Danone.

Nur in der Hälfte der Betriebe, die den Joghurtkonzern beliefern, ist die Qualität von Anfang an ausreichend, in den anderen müssen Seryakin und seine Kollegen die Mitarbeiter erst schulen. Auch in der Mustermolkerei von Tatarinowo hat Danone neben der Tür zum Melkraum ein Plakat mit Hygieneanweisungen aufgehängt. Trotz aller Einschränkungen: Dass der Konzern heute in Russland überhaupt genug Milch für eine Großproduktion wie in Tschechow findet, zeigt aber, dass die russische Milchwirtschaft vorankommt.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion lagen die Molkereien wie die gesamte russische Landwirtschaft jahrelang am Boden. Investitionen fehlten und bis zum Beginn der 2000er Jahre wurde in Russland fast ausschließlich teuer importierter Joghurt gelöffelt. Inzwischen kommen 80 Prozent der verbrauchten Milch aus dem eigenen Land, die meisten hochwertigen Milchprodukte werden vor Ort produziert.

Russlands Regierung hat erkannt, dass sie in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie investieren muss, um die Selbstversorgungsquote mit Agrarprodukten von derzeit 60 Prozent auf mehr als 80 Prozent in den kommenden Jahren zu erhöhen. Premierminister Wladimir Putin bezeichnet die lange vernachlässigte Landwirtschaft inzwischen sogar als strategische Branche. Mit Staatshilfen hat er die Branche durch die Krise gebracht, sodass die gesamte Produktion im vergangenen Jahr sogar um 3,7 Prozent wachsen konnte. Dieses Jahr soll es weitere fünf Milliarden Euro Fördergelder geben, vor allem in Form von Kreditsubventionen.

Von der optimalen Nutzung seines Potenzials ist das riesige Land aber noch weit entfernt. Russland, die Ukraine und Kasachstan vereinen 12 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche weltweit. Trotzdem kommen nur sechs Prozent der weltweiten Getreideproduktion und nur drei Prozent der Fleischproduktion aus diesen Ländern. Die Getreideproduktion hat sich innerhalb des vergangenen Jahrzehnts am besten entwickelt. Russland wandelte sich vom größten Importeur von Getreide zu einem der führenden Exporteure. Die Fleischproduktion, Molkereien und viele andere Sektoren, deren Aufbau langwieriger und schwieriger ist, liegen jedoch zurück.

Das liegt auch daran, dass Russland Investoren zu viele Steine in den Weg legt, meint Gilles Mettetal, Leiter der Abteilung Lebensmittelindustrie bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, dem derzeit mit etwa 700 Millionen Euro pro Jahr größten Einzelinvestor in Russlands Landwirtschaft. So seien die Eigentumstitel für Grund und Boden in Russland mehr als unsicher. Auch könne Land nicht wie anderswo als Sicherheit für Investitionen gelten. „Und Russische Banken akzeptieren Land nicht als Kreditsicherheit, weil es keinen Markt dafür gibt“, moniert der Franzose.

Seine Bank investiert seit dem Niedergang des Kommunismus gemeinsam mit privaten Partnern in den ehemaligen Sowjetrepubliken, in die komplette Produktionskette, vom Anbau bis zur Auslieferung der Waren an die Supermärkte. Viele von Mettetals Kunden klagen noch immer über fehlende Infrastruktur. Für eine höhere Getreideproduktion gebe es beispielsweise nicht genügend Silos und Transportmittel. „Ein großes Problem, von dem unsere Kunden oft berichten, ist auch der Mangel an guter Ausbildung in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie“, sagt der Ökonom. Es gebe zwar eine solide technische Ausbildung, aber Manager für die Agrarwirtschaft müssen oft aus dem Ausland abgeworben werden. Für ausländische Investoren wiederum sei die mangelnde Transparenz russischer Unternehmen ein Problem. Auch seine Bank bemühe sich, möglichst nicht solche Unternehmer zu finanzieren, deren wirtschaftlicher Erfolg unmittelbar an ihre politische Funktion gebunden sei.

Trotz allem: Mettetal ist überzeugt, dass sich Russlands Landwirtschaft in den kommenden Jahren zum Besten entwickeln wird. Guter Boden sei vorhanden und auch der Wille, Produktivität und Qualität zu verbessern. Auch Danone will vor Ort auf europäische Standards kommen. Dafür wird nicht nur in Ställen Musik gespielt: Gerade ist der Konzern durch den Kauf des russischen Molkereiunternehmens Unimilk zum Marktführer geworden.

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