Wirtschaft : Russische Zentralbank gibt auf

MOSKAU/KIEW (AFP/HB).Der Rubel hat am Mittwoch mit einem neuen Kurssturz für chaotische Zustände auf dem russischen Devisenmarkt gesorgt.Die Zentralbank mußte den amtlichen Handel zwischen Landeswährung und US-Dollar aussetzen, nachdem die Nachfrage der Banken das Dollar-Angebot bei weitem überschritten hatte.Dies löste einen Run auf die D-Mark aus, deren Kurs in Moskau binnen weniger Stunden um 70 Prozent stieg.Die Moskauer Börse brach ein.Auch in der Ukraine wachsen die Finanznöte.

Rußlands designierter Regierungschef Viktor Tschernomyrdin äußerte sich "äußerst unzufrieden" mit der Politik der Zentralbank.Er distanzierte sich zugleich von den Plänen zur Neuordnung des Anleihen-Marktes.

Der Rubel, der am Dienstag den massivsten Wertverlust seit vier Jahren erlitten hatte, sank am Mittwoch morgen um weitere fünf Prozent auf einen Kurs von 8,26 Rubel je US-Dollar.Die Zentralbank zog daraufhin die Notbremse und setzte erstmals in der Geschichte den Devisenhandel mit Dollar aus.Die Banken, die ihre Rubel loswerden wollten, stürzten sich daraufhin auf die D-Mark.Auch der Handel mit der deutschen Devise mußte vor dem Fixing mehrfach unterbrochen werden.Der Kurs erreichte 7,6 Rubel je D-Mark nach 4,4995 Rubel für eine D-Mark am Dienstag.Die russische Währung verlor seit der Abwertung am Montag rund ein Fünftel ihres Wertes.Allein am Dienstag hatte die Zentralbank 430 Mill.US-Dollar aufgebracht, um allen Tauschwünschen der Banken nachzukommen.Die Banken versuchen massiv, Rubel zu tauschen, seit ihre Mindestreserve am Montag von elf auf zehn Prozent gesenkt und ihre Liquidität damit erhöht worden war.Dies sollte dem angeschlagenen Finanzsektor helfen, dem Ansturm der Privatkunden standhalten zu können, die ihr Erspartes in Starkwährungen tauschen wollen.Die meisten Bankkunden warteten aber auch am Mittwoch vergeblich auf Dollar oder D-Mark.

Die dramatische Situation auf dem russischen Finanzmarkt ließ massive Kritik an der Zentralbank lautwerden.Tschernomyrdin kündigte ein "sehr ernstes Gespräch" mit Notenbankchef Sergej Dubinin an.Auch der Chef der russischen Börsenaufsicht, Dmitri Wassiljew, monierte "schwere Fehler" der Zentralbank und forderte, das oberste Finanzinstitut des Landes juristisch zur Verantwortung zu ziehen.Die Zentralbank habe Unsummen für die Stützung des Rubel verschleudert.

Hintergrund des Rubel-Kollapses und der Börsenschwäche waren die Unsicherheit an den Märkten und die Beschlüsse der Regierung zur Umstrukturierung der kurzfristigen Staatsanleihen.Diese machen einen Großteil der Inlandsverschuldung aus und liegen seit dem 17.August auf Eis.Geplant ist, die Rückzahlung der bislang extrem hoch verzinsten Rubel-Schatzwechsel auf drei bis fünf Jahre zu strecken und die Papiere mit einem Zinssatz zwischen 20 und 30 Prozent zu versehen.

Die Neuordnung soll Moskau Luft für die Zahlung ausstehender Löhne, Gehälter und Pensionen verschaffen, für die Anleger bedeutet sie indessen massive Verluste.Finanzexperten errechneten, daß von jedem investierten US-Dollar nur rund 30 Cent übrig bleiben.Analysten sprachen von "sehr schlechten Konditionen", die auch Investoren im Ausland hart träfen.Tschernomyrdin betonte, er habe die von seinem Vorgänger Kirijenko ausgearbeiteten Maßgaben nur verkündet.Änderungen habe er nicht mehr vornehmen können.

Die dramatische Situation auf dem russischen Finanzmarkt veranlaßte Tschernomyrdin zu einer kurzfristig anberaumten Reise nach Simferopol, wo IWF-Generaldirektor Camdessus Gespräche mit der ukrainischen Regierung führen wollte.Der Internationale Währungsfonds bestätigte, es solle ein Treffen zwischen Camdessus und Tschernomyrdin zur russischen Finanzkrise und deren Auswirkungen auf die Region geben.Der IWF hat Rußland Kredite im Wert von 22,6 Mrd.US-Dollar vermittelt; die bisher ausgezahlten Mittel reichten aber nicht, die Krise abzuwenden.

Nach der russischen Finanzkrise gerät nun auch die Ukraine zunehmend in Schwierigkeiten.Angesichts einer fallenden Währung Griwna versucht das Finanzministerium, kurzfristig fällige Schuldverschreibungen in langfristige Anleihen umzuwandeln.Für Besorgnis sorgte die offenkundige Absicht des IWF, die angekündigte Entscheidung über einen Milliardenkredit für die Ukraine zu verschieben.Ursprünglich wollte der IWF am 24.August über die Vergabe eines Kredits in Höhe von 2,2 Mrd.US-Dollar entscheiden und hatte der Ukraine eine erste Tranche in Höhe von rund 200 Mill.US-Dollar für September in Aussicht gestellt.

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