Russischer Milliardär Kerimow : Einstieg im Westen

Der russische Milliardär Kerimow will im großen Stil bei der Deutschen Bank einsteigen. Dahinter steckt System.

Elke Windisch

Als in dieser Woche bekannt wurde, dass der russische Milliardär Sulejman Kerimow in großem Stil bei der Deutschen Bank einsteigen will, legten die Aktien des Geldhauses zeitweise deutlich zu. Aber das Plus hielt nicht lange, der Markt zeigte sich skeptisch. Dabei ist der 42-Jährige nach Informationen des Tagesspiegels mit seinen Plänen schon weit gekommen, und er beschränkt sich nicht auf die größte deutsche Bank.

Aus der Moskauer Hochfinanz verlautet, dass Kerimow bereits im Spätherbst vergangenen Jahres damit begonnen habe, kleinere Aktienpakete des Instituts zu kaufen. Inzwischen halte er knapp drei Prozent – meldepflichtig sind erst Beteiligungen jenseits dieser Marke. Um einschlägige Bestimmungen zu umgehen, wolle Kerimow die restlichen sechs Prozent, die an seinem Planziel noch fehlen, über Strohmänner und seine verschachtelte Finanzholding Nafta-Moskwa erwerben. Insgesamt wäre dieses Paket nach aktuellem Aktienkurs rund drei Milliarden Euro wert.

Auch nach Angaben der Deutschen Bank hat er aber sein Ziel noch nicht erreicht. Dem Institut seien lediglich zwei Aktionäre bekannt, die mehr als drei Prozent halten: die britische Bank Barclays und der französische Versicherer Axa.

Doch Kerimow interessiert sich nicht nur für die Deutsche Bank. Quellen, die seinem Topmanagement nahestehen, berichten von Verhandlungen mit der Credit Suisse und Morgan Stanley. Dort wolle sich Kerimow ebenfalls als Minderheitsaktionär einkaufen. Die US-Investmentbank soll auch den Einstieg bei der Deutschen Bank gemanagt haben. In russischen Medien ist zudem von einem Interesse an einem Einstieg bei der Schweizer Großbank UBS die Rede.

Kerimow ist eine schillernde Figur. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ listete ihn zuletzt mit einem geschätzten Privatvermögen von 17,5 Milliarden Dollar auf Platz 36 der reichsten Menschen der Welt. In Russland kommt er auf Platz acht. Seit 1999 Duma-Abgeordneter, sitzt er für die nordkaukasische Teilrepublik Dagestan, wo er 1966 zur Welt kam, im Senat. Doch er machte bisher weniger als Politiker Schlagzeilen, sondern als Lebemann. Im November 2006 ließ der verheiratete Familienvater sich von Moskauer Starlets und Party-Nudeln an die französische Riviera begleiten. Es war eine Riesensause. Von Alkohol umnebelt hätte er sich dabei um Haaresbreite mit seinem Ferrari Enzo zu Tode gefahren.

An der Moskauer Börse heißt es schon länger, dass Kerimow im westlichen Ausland aggressiv auf Einkaufstour gehen und sich dazu von seinen russischen Aktiva trennen wolle. Analysten zufolge hat Kerimow schon zu Jahresbeginn seine Beteiligungen an Gasprom und an der Sberbank, einem Schwergewicht der Branche, für insgesamt rund 21 Milliarden Dollar (13,6 Milliarden Euro) verkauft – sie waren der Kern und Ursprung seines Reichtums. Auch von einer Supermarktkette und seinen Medienbeteiligungen soll er sich getrennt haben, und angeblich will er auch seine Mehrheit bei dem Gold- und Silberproduzenten Polimetall abstoßen.

Bei seinem Drang nach Westen ist der studierte Volkswirt in bester Gesellschaft – und kann zudem auf wohlwollende Unterstützung von Kreml und Regierung rechnen. Wladimir Putin, jetzt Ministerpräsident, und der neue Staatspräsident Dmitri Medwedew haben die Milliardäre des Landes immer wieder ermuntert, sich in westliche Topkonzerne einzukaufen. Vor einer Woche erst kündigte Medwedew eine stärkere Präsenz seines Landes auf den internationalen Finanzmärkten an. „Wir haben den Plan, Moskau zu einem weltweit bedeutenden Finanzzentrum auszubauen und den Rubel zur führenden regionalen Reservewährung zu machen“, sagte der Staatspräsident bei einem Managerforum in St. Petersburg. Die USA seien ihrer Verantwortung als führende Finanzmacht in der jüngsten Krise nicht gerecht geworden. In ähnlichem Ton warb Putin kürzlich dafür, im Ausland nicht Maschinen, sondern Maschinenbaubetriebe einzukaufen.

An der Moskauer Börse werden Szenarien diskutiert, die wie Verschwörungstheorien klingen. Langfristiges Ziel der russischen Elite sei es, Sperrminoritäten bei strategischen Unternehmen des einstigen Klassenfeindes zu erlangen, damit Moskau indirekt Druck auf die jeweiligen Regierungen ausüben könne, heißt es. Doch Gerigin Tossunjan, der Chef des russischen Bankenverbands, hält das derzeit für übertrieben. Die Betonung liegt auf derzeit: Russland könne sich in überschaubaren Zeiträumen zu einer wirtschaftlichen Supermacht mausern, müsse dazu allerdings alle Relikte sowjetischen Denkens resolut abstoßen, sagt der Bankier.

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