Russisches Gas : Berlin sondiert Alternativen

Deutschland ist stärker als jedes andere Land im russischen Gas-Geschäft engagiert. Doch Berlin sondiert alternative Lieferanten. Es ist eine delikate Phase für die Energie-Freundschaft.

Berlin - Jede zweite deutsche Wohnung wird mit Gas geheizt, 35 Prozent des Gases kommt aus Russland. Doch die jüngsten Ereignisse auf der südlich von Japan gelegenen russischen Insel Sachalin weckten Zweifel an russischer Verlässlichkeit. Die Rekordsumme von 20 Milliarden Dollar hatte Shell in den 90er Jahren mit zwei japanischen Firmen in Sachalin II gesteckt - doch nun sollen Staatskonzerne in das Projekt einsteigen.

"Putin hat die Spielregeln in den vergangenen Jahren geändert", sagt Alexander Rahr, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). In den 90er Jahren versuchten laut Rahr angelsächsische Konzerne über russische Oligarchen an lukrative Rohstoffquellen zu kommen. Heute laufe nichts mehr ohne Moskau. "Die deutschen Unternehmen gehen schon immer über den Kreml und zählen deshalb zu den Gewinnern", sagt Rahr. Der Kreml hat mehrfach klargemacht, dass er auf der Einhaltung der von ihm gesetzten Spielregeln besteht.

Riesige Gasvorkommen in Turkmenistan

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aber scheint sich nicht so stark an die Moskauer Vorgaben halten zu wollen wie ihr Vorgänger. Spätestens seit Russland zum Jahreswechsel der Ukraine das Gas abdrehte und Europa damit seine Macht demonstrierte, wird in Deutschland nach neuen Lieferländern Ausschau gehalten. So kündigte Außen-Staatssekretär Gernot Erler (SPD) eine Zentralasien-Strategie für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft an. Vor allem in Turkmenistan liegen riesige Gasvorkommen. Außerdem ist die so genannte Nabucco-Pipeline in der Planung, mit der das Gas der Region nach Europa kommen könnte - unter Umgehung Russlands. Um die Suche nach alternativen Lieferanten dürfte es auch beim Energiegipfel von Bundesregierung und Unternehmen am Montag im Kanzleramt gehen.

Wenn Putin am Dienstag nach Deutschland kommt, fällt sein Besuch also in eine sensible Phase der deutsch-russischen Energiebeziehungen. Es müsse deshalb ein kluger politischer Dialog geführt werden, sagt Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Blick auf die geplante Zentralasien-Strategie. "Die Russen müssen auch Verständnis haben, wenn man sich nach anderen umschaut". Kemfert weist aber darauf hin, dass für deutsche Firmen damit durchaus Risiken verbunden sein könnten: "Putin wird nicht davor zurückschrecken, auch Eon und Wintershall zu sanktionieren." (tso/AFP)

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