Wirtschaft : Russland lockt deutsche Mittelständler

Wachsender Investitionsbedarf im Tourismus

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die russische Tourismuswirtschaft wirbt um deutsche Investoren und Kooperationspartner. „Wir registrieren eine Vielzahl von aktuellen Anfragen aus der Branche“, sagte Stanislav Rogojine von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) dem Tagesspiegel am Sonntag. Für deutsche Reiseunternehmen, insbesondere aus dem Mittelstand, böten sich zurzeit sehr attraktive Geschäftschancen. „Der Reisebüromarkt in Russland braucht dringend ausländisches Kapital und Know-how“, sagte Rogojine. Der ehemals staatliche Wirtschaftszweig sei noch nicht konsolidiert. „Außerdem fehlt es an moderner Infrastruktur“, sagte Rogojine. In beliebten Feriengebieten gebe es zu wenige oder gar keine modernen Hotels.

Auch aus diesem Grund seien neben Reiseunternehmen besonders deutsche Baufirmen und -planer, Architekten oder Baustoffhändler in Russland sehr gefragt. „Es gibt kaum eine russische Branche, die nicht modernisiert werden muss“, sagte Rogojine. Schon länger profitieren davon deutsche Maschinenbauer, Autohersteller und -zulieferer, die den Sprung auf den russischen Markt geschafft haben oder vorbereiten. Deutsche Firmen planen nach einer Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft im laufenden Jahr Direktinvestitionen von 1,4 Milliarden Euro in Russland. Das Land ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner Deutschlands in Mittel- und Osteuropa. Bei einem Gesamtumsatz von 53,6 Milliarden Euro stiegen im Jahr 2006 sowohl die deutschen Einfuhren aus Russland (30,2 Milliarden Euro) als auch die deutschen Ausfuhren nach Russland (23,4 Milliarden Euro) um mehr als 35 Prozent.

Russische Firmen und Investoren drängen ihrerseits nach PwC-Angaben massiv auf den deutschen Markt – und interessieren sich besonders für mittelständische Unternehmen. „Die Frequenz der Anfragen steigt“, sagte Rogojine. In den vergangenen Jahren hätten sich rund 100 russische Investoren beim „Russian Business Center“ von PwC über interessante Übernahmeziele und Kooperationspartner in Deutschland informiert. Im Gegenzug habe PwC weit mehr deutsche Unternehmen beraten, die an Geschäften in Russland interessiert seien.

Die russische Industrie- und Handelskammer schätzt, dass mindestens 1000 deutsche Unternehmen inzwischen in russischer Hand sind. Der BDI hat errechnet, dass Russen 2006 insgesamt 1,4 Milliarden Euro direkt in Deutschland investierten. Interessiert seien sie dabei vor allem am Technologietransfer, sagt PwC-Experte Rogojine. „Im russischen verarbeitenden Gewerbe gibt es keinen klassischen Mittelstand.“ Die Fertigungstiefe der ehemaligen Staatsbetriebe liege weit über dem Westniveau. „Die Industrie weiß, dass sie einen Innovationssprung machen muss – dabei helfen Übernahmen und Kooperationen im deutschen Mittelstand.“ Renditeerwartungen stünden bei den Auslandsengagements deshalb nicht an erster Stelle.

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