Wirtschaft : Russland muss Beweise liefern

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Mit vollen Taschen kam der russische Präsident Putin in der vergangenen Woche von dem Treffen mit US-Präsident Bush. Auch die EU war in Geberlaune und verkündete, dass Russlands Ökonomie nun das Prädikat Marktwirtschaft verliehen werde. Doch kein potenzieller Investor wird allein aufgrund dieser Einstufung nach dem Scheckheft greifen. Schließlich klingt die Bewertung aufregender als sie ist. Sie reflektiert lediglich die Ansicht der EU, dass Russland auf dem Weg ist, sich von staatlichen Kontrollen zu lösen. Wie schnell dies vorangeht oder wie weit man schon gekommen ist, bleibt offen.

Die Zugeständnisse fallen der EU nicht leicht. Aber Gründe, dem Land einen Gefallen zu tun, gibt es genug: Die EU ist mit einem Volumen von 76,3 Milliarden Dollar Russlands größter Handelspartner. Russland pumpt zudem verlässlich Erdöl in die EU-Länder und versorgt Europa zusätzlich mit 25 Prozent seines Erdgasbedarfs.

Bis vor kurzem noch verweigerte die EU Russland die begehrte Einstufung. Das Land müsse mehr für die Liberalisierung des Energiesektors tun, hieß es, denn die niedrigen Energiepreise kämen Subventionen für die Hersteller gleich. Zwar kam Russland diesen Forderungen zuletzt entgegen. Doch allein die Verhältnisse bei Gazprom, dem größten Unternehmen des Landes, belegen, dass bei Preisstruktur und Rechenschaft der Unternehmensführung wenig an die Standards der Marktwirtschaft erinnert.

Auch die Entwicklung der russischen Wirtschaft gibt zu denken. Die Daten scheinen zwar für eine bemerkenswerte Erholung zu stehen: acht Prozent Wachstum im Jahr 2000 und 5,1 Prozent 2001, dazu ein steigender Aktienmarkt und sinkende Staatsschulden. Doch die Zahlen sind teils Folge der Rubel-Abwertung 1998 und des Anstieges der Erdölpreise, keineswegs jedoch Ergebnis gesteigerter Produktivität. Für 2002 werden nur 3,5 Prozent Wachstum erwartet.

Putin hat erkannt, dass man Russland daran misst, ob es eine solide Basis für wirtschaftliches Wachstum aufbauen kann. Einige der größten Hindernisse, wie der unreformierte Bankensektor und die Korruption, wurden bislang jedoch ignoriert oder nur halbherzig angegangen. Investoren warten auf Beweise, dass man dem russischen Markt tatsächlich trauen kann.

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