Wirtschaft : Rußland muß mehr Geld im Ausland aufnehmen

MOSKAU/LONDON (AFP/AP).Rußland muß angesichts seines Haushaltsdefizits eine Mrd.Dollar (1,79 Mrd.DM) mehr Geld im Ausland aufnehmen als bislang geplant.In diesem Jahr werde Rußland sich damit sechs Mrd.Dollar auf den internationalen Finanzmärkten besorgen, teilte Finanzminister Michail Sadornow am Donnerstag einer Meldung der Nachrichtenagentur Interfax zufolge mit.Die "Financial Times" berichtete am Donnerstag, Rußland habe in der vergangenen Woche bereits in aller Stille Kredite in Höhe von mindestens 200 Mill.Dollar bei westlichen Handelsbanken aufgenommen.Die Moskauer Börse setzte ihre Talfahrt fort.Der französische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn betonte unterdessen, Rußland habe die sieben führenden Industriestaaten (G-7) am Mittwoch auf der Konferenz in Paris nicht um Finanzhilfe gebeten.

Rußland war in der vergangenen Woche aufgrund der schlechten Lage des Staatshaushaltes in eine akute Finanzkrise mit dramatischen Kursverlusten an der Börse und einer Abwertung des Rubel geschlittert.Der reformorientierte Sadornow erklärte am Donnerstag den Angaben zufolge, die zusätzlich aufgenommenen Kredite sollten zur Sanierung des Staatshaushalts beitragen.Anfang des Jahres hatte Rußland noch prognostiziert, es wolle die Neuverschuldung im Ausland in diesem Jahr auf 3,5 Mrd.Dollar begrenzen.Das russische Haushaltsdefizit dürfte in diesem Jahr bei rund 132 Mrd.Rubel (38 Mrd.DM) liegen.Rußland muß jede Woche acht Mrd.Rubel Schulden zurückzahlen.Experten sind der Auffassung, daß die hohen kurzfristigen Kredite langfristig umgeschuldet werden müssen.

Mit den gerade erst im Westen aufgenommenen kurzfristigen Krediten wolle Moskau sein angeschlagenes Finanzsystem stabilisieren, berichtete die Londoner Wirtschaftszeitung "Financial Times" unter Berufung auf Bankenkreise.Am Mittwoch hatten sich die G-7 bei einem Sondertreffen in Paris grundsätzlich zu zusätzlichen Finanzhilfen für Rußland bereiterklärt.Strauss-Kahn betonte am Donnerstag, keines der G-7-Mitglieder USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien sowie Italien und Kanada habe ein Hilfsgesuch Rußlands erhalten.Frankreich befürworte in solchen Fällen, Hilfe durch internationale Organisationen anstatt durch einzelne Staaten zu gewähren.

Wenn Rußland Hilfe brauche, solle dies über den Internationalen Währungsfonds (IWF) geschehen, sagte Strauss-Kahn weiter.Der IWF hatte in der vergangenen Woche nach der Ankündigung neuer Schritte zur Sanierung der Staatsfinanzen durch die russische Regierung die Freigabe einer seit fünf Monaten blockierten Kredittranche von 670 Mill.Dollar noch für diesen Monat in Aussicht gestellt, aber betont, er halte eine weitere Finanzhilfe für Rußland nicht für nötig.Der IWF macht im übrigen weitere Finanzhilfen für Rußland von Kürzungen im Haushaltsdefizit und einer Steuerreform abhängig.Ein entsprechender Bericht der "New York Times" wurde am Donnerstag in westlichen Bankenkreisen bestätigt.Dem Zeitungsbericht zufolge fordert der IWF eine Kürzung des Staatsdefizits auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.Die Regierung erwartet für dieses Jahr einen Fehlbetrag von 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.Ministerpräsident Sergej Kirijenko will das Defizit aber weiter abbauen und dringt auf die Verabschiedung der Steuerreform in der Staatsduma.

Die Moskauer Börse zeigte am Donnerstag weiter nach unten.Bis zum Mittag hatte der Börsenindex um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vortag nachgegeben.Der Rubel verlor gegenüber dem Dollar leicht an Wert.Analysten erklärten die Entwicklung mit der Enttäuschung darüber, daß die G-7-Konferenz in Paris keine Finanzhilfe in Aussicht gestellt hatte.

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