Wirtschaft : Russlands Ölkonzern Jukos steht vor der Pleite

Entspannung auf dem Ölmarkt nach Venezuela-Referendum währt nur kurz – Jukos geht das Geld aus

Bertram Werner

Moskau/Wien - Die Lage auf dem Ölmarkt bleibt auch nach dem Referendum in Venezuela angespannt. Während der Preis für Nordseeöl in London am Dienstag sank, kostete Rohöl der Organisation Erdöl exportierender Länder so viel wie nie: Die am Vortag ermittelte Notierung lag bei 41,70 Dollar pro Fass (159 Liter).

Für Verunsicherung sorgt weiterhin die ungewisse Zukunft des russischen Ölkonzerns Jukos. Steuerfahnder und Staatsanwälte suchen Jukos seit einem Jahr heim. Derzeit treiben Gerichtsvollzieher eine Steuerschuld von 2,9 Milliarden Euro ein, die noch aus dem Jahr 2000 resultiert. Damit dürfte sich der Fiskus nicht zufrieden geben: Jukos-Manager gehen davon aus, dass sich Steuerschulden aus den Jahren 2000 bis 2003 auf zehn Milliarden Euro addieren werden. An der Börse kostet Jukos zurzeit sieben Milliarden Euro.

Die Lage für den Konzern, der jedes fünfte Fass Öl in Russland fördert und dank der hohen Preise so viele Petrodollars einnimmt wie noch nie, ist kritisch. Zwei Hauptgläubiger haben bereits eine so genannte Default Warning – eine Warnung vor der Insolvenz – gegeben. Finanzchef Bruce Misamore sagte der „Financial Times“, dass mit Erreichen der Monatsmitte dem Konzern nicht mehr genügend Geld zur Verfügung stünde. Die Insolvenz stehe unmittelbar bevor. Jelena Anankina hat für die Ratingagentur Standard & Poor’s Jukos auf CC mit Credit Watch „negativ“ gestuft. CC heißt: Die Wahrscheinlichkeit für die Pleite ist hoch. „Jukos hat mit einer unberechenbaren Justiz zu kämpfen und muss sich in einem feindlichen politischen Klima behaupten“, sagt die Analystin. Am Dienstag entschied ein Gericht erneut gegen Jukos: Der Stopp der Zwangsvollstreckung wurde abgelehnt, und die Steuerschuld darf mit einem Aktienpaket der Jukos-Firma Sibneft nicht bezahlt werden.

Das Justizministerium beauftragte nun die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, das größte Jukos-Asset, die Fördertochter Juganskneftegaz, zu schätzen. Anschließend soll das westsibirische Unternehmen verkauft werden. Ohne Juganskneftegaz wäre Jukos kaum überlebensfähig. Die Tochter produziert 62 Prozent des Jukos-Öls und sitzt auf 70 Prozent der Konzernreserven.

Die Hoffnung von Präsident Putin, die Zerschlagung des Ölgiganten werde vom Ausland ignoriert, ist verflogen. Zum einen sind 20 Prozent der Jukos-Aktien im Besitz von Ausländern. US-Pensionsfonds und Emerging-Market-Fonds hatten sich mit den Papieren eingedeckt. Sie drohen nun mit Klagen. Zum anderen ist die Jukos-Affäre einer der Hauptgründe für den Ölpreisanstieg. US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice rief unlängst Kreml-Stabschef Dmitrij Medwedew an, um ihre „ernste Besorgnis über die Auswirkungen der Jukos-Affäre auf die Weltwirtschaft“ zum Ausdruck zu bringen. Auch chinesische Diplomaten – Jukos ist der größte Öllieferant Chinas – haben in Moskau vorgesprochen. Russland ist mit einem Marktanteil von elf Prozent der größte Ölproduzent und nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Exporteur.

Die Jukos-Affäre hat der Moskauer Investmentbank Troika Dialog zufolge den Beginn der „post-oligarchischen Ära“ eingeläutet. Über den privatisierten Ölsektor, in dem die Oligarchen das Sagen hatten, werde nun der Staat herrschen. Der staatliche Erdgasmonopolist Gazprom verkündete bereits, bis Jahresende einen eigenen Ölkonzern zu gründen. Und an die Spitze des einzigen staatlichen Ölunternehmens Rosneft rückte der Putin-Vertraute Igor Setschin, ein Geheimdienstmann. Sowohl Rosneft als auch Gazprom brauchen, um zu expandieren, neue Ölfelder. Die hat Jukos.

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