Russlands WTO-Beitritt : Firmen erwarten neue Geschäfte

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein US-Kollege George W. Bush haben in Hanoi das entscheidende Abkommen für den Beitritt Moskaus zur Welthandelsorganisation WTO besiegelt. Deutsche wie russische Firmen wittern nun neue Chancen.

Berlin - Mehr als 3000 Niederlassungen haben deutsche Firmen in Russland. Banken, Autobauer oder Energiekonzerne - alle wollen am Boom im Riesenreich im Osten teilhaben. Doch immer noch haben sie mit vielen Hindernissen zu kämpfen, mit Zöllen, Bürokratie und Behördenwillkür. Viele Firmen hoffen deshalb auf den Beitritt Russlands zur WTO - jenen Kreis von bald 150 Ländern, die geloben, ausländische Firmen das Leben nicht mit Einfuhrzöllen oder unfairen Gesetzen schwer zu machen. Der WTO-Beitritt wird russischen Firmen zugleich wohl den Einstieg bei deutschen Unternehmen erleichtern.

Seit 1993 will Russland in die Welthandelsorganisation. In zähen Verhandlungen wurden seitdem am WTO-Sitz in Genf Zölle festgezurrt und Regeln für die Öffnung der Märkte ausgehandelt. Die EU schloss ihre Verhandlungen schon 2004 ab. Doch erst, wenn alle WTO-Mitglieder zustimmen, ist die Aufnahme perfekt. Das Ja der USA gilt als entscheidend. Zwar droht das kleine Georgien weiter mit Blockade, doch das Land wird sich wohl dem Druck der großen Handelsnationen beugen müssen.

Deutsche Firmen hoffen auf besseren Marktzugang

Die deutsche Wirtschaft feiert schon. "Mit dem WTO-Beitritt wird sich der russische Markt stärker für deutsche Investitionen und den Handel öffnen", sagt der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Oliver Wieck. Von hierzulande fließen jetzt schon Milliarden-Investitionen nach Russland. Doch das Engagement ist oft noch eher zögerlich, weil Hindernisse im Weg stehen. "Es gibt immer noch viele Vorschriften und bürokratische Kniffe", sagt Ognian Hishow, Russland- und Freihandels-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Da sind die Russen besonders erfindungsreich."

Hier hoffen deutsche Firmen auf Hilfe durch die WTO. Wer Mitglied ist, muss sich an die WTO-Regeln halten, sonst drohen Sanktionen. Russische Unternehmen können nicht mehr so leicht von Provinzfürsten bevorzugt oder deutsche Firmen mit ellenlangen Formularen und Vorschriftskatalogen traktiert werden. Neben diesen allgemeinen Schritten sollen auch Einfuhrzölle nach Russland gesenkt werden, vor allem für Industriegüter wie Maschinen, Autos oder Flugzeugteile.

Auch russische Investoren hegen Erwartungen

Bisher hat Russland etwa seinen Automobilmarkt abgeschottet. Doch russische Modelle wurden nie konkurrenzfähig. Erste Zeichen der Öffnung gibt es schon: So baut Volkswagen im westrussischen Kaluga derzeit sein erstes Montagewerk. Die WTO-Mitgliedschaft, so hoffen die deutschen Autokonzerne, könnte die Entwicklung beschleunigen. Die deutschen Großbanken erhoffen eine ähnliche Entwicklung. Sie haben Niederlassungen in Moskau und anderen Städten. "Aber das Geschäft mit den Kunden am Schalter ist immer noch fast komplett in russischer Hand", sagt SWP-Experte Hishow. Im Energie-Bereich dürfte sich dagegen weniger ändern. Auch nach dem WTO-Beitritt wird der Kreml über die Rohstoff-Reserven wachen.

Die WTO aber ist auch ein Kreis, der auf Gegenseitigkeit beruht. "Wenn Russland in der WTO ist, kann man nicht mehr so leicht sagen, die Russen kommen, die dürfen uns nicht aufkaufen", sagt Hishow. Russische Unternehmen kaufen sich in letzter Zeit verstärkt in deutsche Firmen ein. Die staatliche russische Vneshtorgbank kaufte fünf Prozent am Airbus-Mutterkonzern EADS, immer wieder gibt es Gerüchte über einen Einstieg des russischen Telekom-Konzerns Sistema bei der Deutschen Telekom. Zwar sei es auch für WTO-Länder möglich, sich mit Tricks gegen Übernahmen zu sperren, wie die spanische Abwehr der Übernahme des Energieversorgers Endesa durch Eon zeige, sagt Experte Hishow. Doch die WTO-Regeln machten es schwerer, dubiose Abwehrstrategien anzuwenden. "Der Interessent hat viel mehr Trümpfe in der Hand." (tso/AFP)

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