Wirtschaft : Ruth Albitz

Geb. 1924

Stephan Reisner

Die Schüler waren begeistert. Eine echte Künstlerin als Lehrerin! Drei kleiner werdende Fünfecke, zu einem Wirbel aus Linien und Flächen ineinander geschoben: Ruth Albitz’ Entwurf des Logos der Berliner Philharmonie aus den frühen Sechzigern spiegelt die Dynamik des Scharoun-Baus wider, ein kongeniales Emblem, zeitlos und schlicht. Sie hat es mit links gezeichnet. Ruth Albitz war Linkshänderin.

An der HdK studierte sie nach dem Krieg Grafik. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, Hans Albitz. Er war vier Jahre älter als sie, entstammte einer Künstlerfamilie und liebte vor allem ihren trockenen Humor. So wie sie den seinen liebte. Als ein Bekannter ihn einmal auf der Straße traf und fragte, ob die Verlobung mit Ruth schon wieder auseinander gegangen sei, antwortete er: „Die Verlobung nicht, aber die Verlobte.“ Ruth Albitz aß eben gern. Und sie rauchte. Das verlieh ihrer Stimme den dunklen Ton.

Ehe und gemeinsames Atelier kamen gleichzeitig. Bald reichte der Ruf der Albitz’ für innovatives Plakatdesign und Kataloggestaltung über Berlin hinaus. Zu ihren Auftraggebern in den Fünfzigern und Sechzigern zählten die Akademie der Künste, die Berliner Festspielwochen, der Gemüsefabrikant Sonnen und das Modehaus Horn. Außerdem kümmerte sich Ruth Albitz um das Image der Stadt: „Berlin lebt – Berlin ruft“, verkündete eines ihrer Plakate von den Litfasssäulen. In dieser Stadt geht was, versprachen die Plakate. Die Albitz’ waren der Beweis.

Großfamilie, Atelier, Feiern, alles unter einem Dach. Sie entwarf, zeichnete und illustrierte, er war für Layout und Schrift zuständig. Im Keller war ein Fotolabor eingerichtet. Eine Oma ließ sich unter dem Indianergeheul von zwei Kindern an einen Baum binden, während die andere auf ihrem Zimmer überlegte, wie sie die Aufmerksamkeit zurückgewinnen könnte. Zum Reisen blieb keine Zeit, dafür wurde einmal im Jahr mit den Künstlerfreunden exzessiv Fasching gefeiert.

Der frühe Tod von Hans Albitz 1969 warf alle Zukunftspläne über den Haufen. Ruth Albitz stand ratlos da: zwei halberwachsene Kinder, zwei Großmütter, ein kleines Haus und keine Sozial- und Rentenversicherung. Ihr Mann war kaum begraben, da wurden die Auftragsadressen bereits unter den Freunden und Kollegen verteilt.

Als ihr eine Kunstlehrerstelle am Evangelischen Gymnasium Zum Grauen Kloster in Aussicht gestellt wurde, zögerte sie nicht. Sie stellte sich den allgemeinen und besonderen Prüfungen des Noch-Stelleninhabers, er war einer von der alten Garde. Um sich ein Bild von seiner Nachfolgerin zu machen, besuchte er sie auch daheim. Die Kinder standen gestriegelt im Flur, und der Pädagoge verschwand erst einmal auf der Toilette. Als er zurückkam, konstatierte er: „Na, das ist ja alles doch ganz ordentlich.“ Ruth Albitz bekam die Stelle.

Die Schüler waren begeistert. Eine echte Künstlerin als Lehrerin! Mit offenem Mund standen sie da, wenn Ruth Albitz mit links eine Zeichnung aufs Papier zauberte. Außerdem gefiel ihnen die unorthodoxe Art ihres Unterrichts. Den Jüngeren las sie zum Malen gern aus ihren Lieblingsbüchern vor, „Nils Holgerssons wundersame Reise“ zum Beispiel. Die Älteren hörten in den praktischen Kursen Musik, obwohl das eigentlich nicht gestattet war. Auf einer Gesamtkonferenz sollte sie einmal das Protokoll führen, so etwas hatte sie als Grafikerin nie gelernt. Möglichst wortgetreu notierte sie die Redebeiträge. Das Ergebnis mutete dadaistisch an – und Ruth Albitz wurden solche Pflichten nicht mehr auferlegt.

Am Ende ihrer 20-jährigen Dienstzeit war sie von der Schule nicht mehr wegzudenken. Ihr Direktor nannte sie stolz ein Gesamtkunstwerk. Ruth Albitz vernahm es gelassen.

Die letzten 15 Jahre. Mal ging es besser, mal ging es schlechter. Am Ende lag sie über ein halbes Jahr im Krankenhaus. Mit Kittel und Mundschutz traten die Besucher ein. – „Ihr seht ja aus wie Laubfrösche“, krächzte sie leise zur Begrüßung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben