Wirtschaft : Sabena: Fluggesellschaft verliert durch Streiks Tausende von Passagieren

Klaus Bachmann

Die Ferien sind lange vorbei, doch auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem geht es immer noch zu wie mitten in der Ferienzeit auf Mallorca: Familien, die auf dem Boden campieren, desorientierte Geschäftsreisende, deren Flug gerade ersatzlos abgesagt wurde und die sich nun in die lange Warteschlange vor den Ticketschaltern einreihen. Dort warten bereits die schottischen Fußballfans, angetan mit Schottenröcken, darauf, dass ihre am Vortag unbenutzten Flugtickets umgebucht werden. Dazwischen Sabena-Personal in gelben, fluoreszierenden Jacken, Bauarbeitern nicht unähnlich, das die Wartenden mit Brötchen und Mineralwasser versorgt.

Das Chaos auf dem Brüsseler Flughafen ist die direkte Folge eines Pilotenstreiks vom Donnerstag, mit dem die belgische Pilotengewerkschaft versucht hatte, ihre Rechte aus dem Tarifvertrag vor dem Sanierungsplan von Vorstandschef Christoph Müller zu retten. Der sieht rund 1400 zusätzliche Entlassungen vor, um den maroden Betrieb bis 2005 wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. Sabena verringert dabei auch die Zahl seiner Flugzeuge und stellte mehrere Interkontinentalstrecken ganz ein.

Die Piloten haben Müller einen Vorschlag unterbreitet, wie mit Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich Entlassungen verhindert werden sollten. Sie wollen ihre Aufstiegsrechte innerhalb der Sabena nicht angetastet sehen. Müller hat das abgelehnt, weil es den Sanierungsplan in Gefahr bringe. Auf den wilden Streik am Donnerstag reagierte er mit einer Klage vor dem Brüsseler Handelsgericht, das ihm Recht gab und den Piloten knapp 2500 Euro Zwangsgeld aufbrummte, worauf sie zur Arbeit zurückkehrten. So konnte Sabena am Donnerstag zwei Drittel der geplanten Flüge abwickeln. Die übrigen Flüge wurden am Freitag zusätzlich angeboten, wobei aber Ausfälle auch nicht zu vermeiden waren.

Bilang waren die Piloten innerhalb der Sabena-Belegschaft isoliert. Die Gewerkschaften der anderen Beschäftigtenkategorien sahen ihre Aktion als Versuch, auf ihre Kosten ihre Position im Betrieb abzusichern. Mit der Klage habe Müller aber gegen ein ungeschriebenes Gesetz belgischer Sozialkonflikte verstoßen, schrieb am Samstag "De Standaard", und damit auch die anderen Gewerkschaften gegen sich aufgebracht. Die Piloten sind in die zweite Instanz gegangen. Erhalten sie da Recht, ist ein zweiter Streik nahezu unausweichlich. Inzwischen verhandelt ein Vermittler des Arbeitsministeriums mit Gewerkschaften, Piloten und Vorstand.

Die Auseinandersetzungen um den Sanierungsplan machen der angeschlagenen Fluggesellschaft schwer zu schaffen. Seit der ersten Protestaktion vor drei Wochen habe Sabena 60 000 bis 70 000 Passagiere verloren, erklärte Christoph Müller. "Das Geld fliegt in Millionen zum Fenster raus." Bis zur Bekanntgabe des Sanierungsplans waren die Sabena-Maschinen im europäischen Vergleich überdurchschnittlich ausgelastet - nun ist die Kennzahl unter das Niveau des Vorjahres gesackt. Sabenas größtes Problem, dass zu wenig gutzahlende Geschäftsleute mit der Gesellschaft reisen, wird durch die Streiks noch schlimmer.

Im ersten Halbjahr 2001 erwirtschaftete Sabena einen Verlust von 139 Millionen Euro. Die beiden wichtigsten Anteilseigner, der belgische Staat und die schweizerische Fluggesellschaft Swissair, die ebenfalls große Probleme hat, waren Mitte Juli übereingekommen, der maroden Gesellschaft eine Kapitalspritze in Höhe von 420 Millionen Euro zu genehmigen. Bedingung: Bis Ende September muss der Sanierungsplan von den Sozialpartnern abgesegnet sein. Ohne das zusätzliche Kapital droht der Sabena ein Konkursverfahren.

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