Wirtschaft : Saddam Hussein wird recycelt

Ein irakischer Bildhauer, der früher den Diktator in Bronze goss, fertigt heute ein Ehrenmal für die gefallenen US-Soldaten

Yochi J. Dreazen

Die Stirn in der Handfläche vergraben kniet ein erschöpfter amerikanischer Soldat vor einem provisorischen Ehrenmal: Helm, Gewehr und Stiefel eines gefallenen Kameraden. Neben ihm steht ein kleines irakisches Mädchen, das ihm tröstend die Hand auf die Schulter legt.

Offiziere der IV. Infanteriedivision der US-Armee in Tikrit haben diese lebensgroße Bronzeskulptur in Auftrag gegeben, um die Soldaten zu ehren, die sie in ihren elf Monaten im Irak verloren hat. Dank der ungewöhnlichen Wahl des Bildhauers – und der ungewöhnlichen Herkunft der Bronze – haben sie dem Werk auch einen Hauch poetischer Gerechtigkeit gegeben. An der IV. Infanteriedivision sind die meisten großen Gefechte des Krieges vorübergegangen, doch in den gewalttätigen Unruhen danach hat sie fast täglich Soldaten verloren.

Oberfeldwebel Charles Fuss steht dem Projekt vor. Er wünschte sich ein Kriegerdenkmal, das einen trauernden Soldaten vor dem traditionellen Ehrenmal aus Helm, Gewehr und Stiefeln zeigt. Er sagt, er trauere immer noch um die gefallenen Soldaten. „Das ist etwas, mit dem wir Befehlshaber für den Rest unseres Lebens leben müssen: Wegen unserer Befehle sind diese Männer und Frauen tot“, sagt er. „Das ist ein schweres Paket.“ Auf der Suche nach einem talentierten irakischen Bildhauer wurde ihm der 27-jährige Khalid Alussy empfohlen. Befragt nach seiner Erfahrung mit Skulpturen, antwortete der Künstler, eine seiner Arbeiten stehe direkt vor dem Stützpunkt der Division, einem ehemaligen Präsidentschaftspalast Saddam Husseins in seiner Heimatstadt.

Er deutete auf zwei Bronzestatuen, die Saddam Hussein auf einem galoppierenden Pferd zeigen, in der Hand ein Schwert, das Richtung Jerusalem weist. 15 Meter hoch thronten die beiden Statuen auf zwei Türmen, die ein gewaltiges Bogenportal am Eingang des Palastgeländes flankierten. Der irakische Bildhauer erzählte den Soldaten, er sei einer der Künstler gewesen, die an diesen Statuen gearbeitet hätten. Er sagte, er habe den Auftrag damals angenommen, weil er das Geld gebraucht habe und die Konsequenzen einer Ablehnung gefürchtet habe.

Die Amerikaner ließen es dabei bewenden. Hätten sie Herrn Alussy eingehender nach seinen politischen Ansichten befragt, hätten sie vielleicht erfahren, dass er ein scharfer Kritiker der USA ist und darüber verbittert ist, dass sein Onkel im Krieg durch einen amerikanischen Raketenangriff ums Leben kam. In einem Interview sagte er, er glaube, dass es bei dem Krieg um Öl gegangen sei und die USA für die heutige Gewalt und die Arbeitslosigkeit im Irak verantwortlich seien. „Ich habe die Saddam-Statuen gemacht, auch wenn ich es nicht wollte, weil ich das Geld für meine Familie und für meine Ausbildung brauchte“, sagt er. „Und die Statue für die Amerikaner mache ich aus genau den gleichen Gründen.“

Khalid Alussys ursprüngliche Honorarvorstellungen fielen höher aus, als die Amerikaner es erwartet hatten. Alussy begründete sie mit dem hohen Bronzepreis. Also beschlossen die Amerikaner, die bronzenen Saddam-Statuen zu recyceln. „Wir hätten die Statuen sowieso gesprengt – warum also sollten wir die Bronze nicht für unsere Statuen verwenden?“ fragt Fuss. „So konnten wir etwas entfernen, das Saddam ehrt, und es zur Erinnerung an die verwenden, die wir verloren haben.“ Nachdem er das Material nicht stellen musste, erklärte sich Khalid Alussy bereit, den Auftrag für 8000 Dollar (rund 6500 Euro) durchzuführen.

Um das Projekt zu finanzieren, bat Fuss die Soldaten, je einen Dollar zu spenden. Innerhalb weniger Wochen kamen 30000 Dollar zusammen. Im Juli wurden die Statuen des Ex-Herrschers gesprengt und die Überbleibsel eingeschmolzen. Aus Furcht, Khalid Alussys Nachbarn könnten es ihm verübeln, dass er für die Amerikaner arbeitet, verhüllten die Soldaten ihre Ladung mit Planen und fuhren sie in Zivilfahrzeugen zu seinem Haus.

Alussy bekam das Foto eines knienden US-Soldaten, einen Helm und Stiefel. Ein Gewehr wollte ihm die Armee nicht geben. Also benutzte er ein altes Foto als Vorlage. Kurz vor Fertigstellung der Skulptur befanden Fuss und sein Generalmajor Ray Odierno, das Werk benötige einen klareren Bezug zum Irak. Generalmajor Odierno habe vorgeschlagen, das Werk um ein Kind zu ergänzen, als Symbol für die neue Zukunft des Irak, erzählt Fuss. Als sie das Alussy mitteilten, wollte der 10000 Dollar mehr. „Er hat den Kapitalismus schnell begriffen“, sagt Fuss.

Der irakische Künstler arbeitete vier Monate an dem Werk, heimlich nachts und am Wochenende im zweiten Stock seines Hauses. Ende 2003 war es fertig und wurde im Eingangsbereich des Hauptquartiers aufgebaut. Bald schon wird es aber ein neues Zuhause haben. Weil die Division im kommenden Monat in die USA zurückkehrt, sind die Statuen auf dem Weg zu dem Hauptstützpunkt in Texas, wo sie das Prunkstück eines Ehrenmals bilden werden, das am Volkstrauertag am 31. Mai eingeweiht werden soll.

Übersetzt und gekürzt von Christian Frobenius (Guantanamo), Matthias Petermann (McDonald’s), Tina Specht (EU), Svenja Weidenfeld (Saddam), Karen Wientgen (Luftfahrt).

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