Wirtschaft : Sanierungskur schlägt bei Siemens gut an

ERLANGEN (tmh). Der Siemens-Konzern gewinnt in den Augen von Konzernchef Heinrich von Pierer an Glanz, bleibt aber eine Baustelle. Seine Einschätzung begründete von Pierer bei der Präsentation der Neun-Monats-Ergebnisse am Donnerstag in Erlangen mit anhaltend steigenden Gewinnen und der raschen Umsetzung des Zehn-Punkte-Umbauprogramms. Als nächster Schritt wird noch im Herbst dieses Jahres ein Teil des Chipgeschäfts unter dem Namen Epcos in Deutschland und den USA an die Börse gebracht. Im ersten Quartal 2000 folge dann das Gros des Halbleitergeschäfts, das mittlerweile als Infineon Technologies firmiert, kündigte von Pierer an.Der Börsengang des Bauelementeproduzenten Epcos, der paritätisch mit Matsushita geführt wird, spreche gezielt institutionelle Anleger an. Insgesamt sollen 75 Prozent der Epcos-Anteile neue Besitzer finden. "Infineon ist sexy und braucht ein längeres Vorspiel", begründete von Pierer dessen nachfolgenden Gang aufs Parkett. Mit Hilfe einer Werbekampagne würden vorerst ein Viertel der Infineon-Aktien vorwiegend bei Privatanlegern plaziert. Von einem weiteren Paket will sich Siemens dann frühestens eineinhalb Jahre später lösen und mittelfristig völlig aus dem Chipgeschäft aussteigen.Die Erlöse aus dem Infineon-Börsengang schätzen die Manager auf vier Mrd. DM. Dazu kommt eine Mrd. DM aus dem Epcos-Börsengang. Daneben werde sich Siemens von kleineren Aktivitäten im Umfang von insgesamt bis zu 1,5 Mrd. DM Umsatz trennen, kündigte Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger an. So verkaufen die Münchner ihr Telefonwerk im nordrhein-westfälischen Witten an die Vogt electronic AG, Erlau. Alle 1100 Stellen bleiben erhalten. Verwenden will Siemens die umfangreichen Mittelzuflüsse für den Rückkauf eigener Aktien, den Schuldenabbau und gezielte Zukäufe. Handlungsbedarf sieht von Pierer im Bereich Prozeßindustrie und vor allem im Internetgeschäft. Bei den entsprechenden Akquisitionen gehe es "um nicht ganz kleine Beträge", sagte von Pierer, ohne konkreter zu werden.Aktuell liege der Schwerpunkt aber noch bei den Aufräumarbeiten. Auch dabei kommt der Konzern voran. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres (zum 30. September) hat Siemens seinen Nachsteuergewinn um 17 Prozent auf über zwei Mrd. DM gesteigert. Verantwortlich dafür ist vor allem die zunehmende Genesung der früheren Sorgenkinder Halbleiter (jetzt Infineon), Verkehrstechnik, Energieerzeugung (KWU) und Mobiltelefone. Infineon konnte bis Ende Juni 1999 den Verlust vor Steuern und Zinsen von 852 Mill. DM im gesamten Vorjahr auf nunmehr nur noch 62 Mill. DM senken. Im dritten Quartal arbeitete der Halbleiterkonzern bereits leicht profitabel. Bei Verkehrstechnik sank der Verlust nach neun Monaten auf 83 Mill. DM nach 746 Mill. DM im Vorjahr. 1999 werde die in Berlin angesiedelte Bahnsparte trotz aller Verbesserungen noch "moderate dreistellige Millionenverluste" einfahren, räumte von Pierer ein.Wieder schwarze Zahlen schreibt nach neun Monaten 1998/99 die Energiesparte KWU mit einem Gewinn von 106 Mill. DM nach fast 200 Mill. DM Vorjahresverlust. Bei Mobiltelefonen boomt mittlerweile das Geschäft. Bis Ende September will Siemens den globalen Handy-Absatz auf elf Mill. Stück nahezu verdoppeln. "Der Ergebnisanstieg wird kein Strohfeuer bleiben", versprach von Pierer. Für das laufende Geschäftsjahr plant Siemens weiter mit einem prozentual zweistelligen Umsatzplus und einem etwas höheren Gewinnzuwachs. Nach neun Monaten legten die Erlöse um zwölf Prozent auf gut 92 Mrd. DM zu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg bedingt durch Zukäufe um 28 000 auf 444 000 Personen. In Deutschland blieb die Zahl mit 193 000 Mitarbeitern fast konstant.

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