Sanierungspläne : Siemens streicht 7000 Stellen

Ein Desaster wie bei BenQ soll es bei der kriselnden Telekommunikationssparte SEN nicht geben, verspricht der Konzern. Dazu soll SEN vor dem beschlossenen Verkauf zunächst saniert werden.

Maren Peters

Berlin - Ein zweites BenQ will der Siemens-Konzern bei seiner kriselnden Telekommunikationssparte SEN vermeiden. Das kündigte Finanzvorstand Joe Kaeser am Dienstag in München an. Siemens will die Sparte erst sanieren und dann verkaufen. Weltweit sollen 6800 Jobs wegfallen, davon allein 2000 in Deutschland, kündigte Kaeser gestern an. Weitere 1200 Stellen sollen hierzulande durch Verkäufe und Partnerschaften abgespalten werden. Der Stellenabbau bei der zum Verkauf stehenden Tochter solle aber möglichst ohne soziale Härten über die Bühne gebracht werden, sagte der Manager. Eine wichtige Maßnahme sei dabei die Gründung einer Transfergesellschaft. „Wir hoffen, dass Siemens aus dem Desaster bei BenQ gelernt hat“, sagte der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer.

Damit spielte er auf die bitteren Erfahrungen nach der Abspaltung der Handysparte vor drei Jahren an. Nur ein Jahr nach dem Verkauf an den taiwanesischen Konzern BenQ war das Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern pleite. Der Konzern hat dafür viel Kritik einstecken müssen. Vor einem ähnlichen Desaster bei der defizitären Telefonanlagentochter SEN hatte die Gewerkschaft IG Metall beizeiten gewarnt.

SEN war im Oktober 2006 aus der inzwischen aufgelösten Telekommunikationssparte ausgegliedert worden und steht nun zum Verkauf. Im vergangenen August hatte Siemens angekündigt, dass 600 der gut 6000 Jobs in Deutschland gestrichen werden. Entsprechend überrascht zeigte sich die IG Metall, als am Wochenende die neuen Zahlen durchsickerten.

Siemens begründete die radikalen Einschnitte mit dem Wandel der Branche: Früher verkaufte SEN vor allem Telefonanlagen, heute sind in erster Linie Softwarelösungen gefragt. Analysten werfen dem Konzern vor, bei SEN ähnlich wie in der früheren Handysparte neue Trends verschlafen zu haben. Zuletzt machte die Sparte einen Verlust vor Steuern von 602 Millionen Euro.

Nach den Plänen des Konzerns soll SEN künftig nicht mehr Telefone, Modems, Kabel oder Gehäuse selbst herstellen, sondern nur noch maßgeschneiderte Softwarelösungen für Unternehmen anbieten. Daher will sich Siemens von mehreren Fabriken trennen, in denen Hardware produziert wird, darunter auch dem Werk in Leipzig mit rund 530 Mitarbeitern, sowie Fabriken in Griechenland und Brasilien. Eine Schließung des Leipziger Werks sei aber nicht geplant.

Von den rund 2000 Arbeitsplätzen, die in Deutschland gestrichen werden, entfallen allein 450 auf die SEN-Zentrale in München. Weitere 800 Stellen könnten bei einem Verkauf von SEN an einen Konkurrenten gefährdet sein, sagte Finanzchef Kaeser.

Der Standort Berlin, an dem Siemens 1847 gegründet wurde und wo der Konzern noch immer größter industrieller Arbeitgeber ist, kommt nach Angaben von Berlin-Sprecherin Ilona Thede „relativ glimpflich“ davon. Insgesamt 80 Arbeitsplätze sollen in der Region Ost, zu der auch die Hauptstadt zählt, abgebaut werden. Wie viele davon auf die Hauptstadt entfallen, wo zurzeit 250 Mitarbeiter im Vertrieb und Service beschäftigt sind, konnte Thede nicht sagen. Bis Ende September 2009 sind betriebsbedingte Kündigungen bei SEN ohnehin ausgeschlossen. Das sieht der geltende Tarifvertrag vor. Auch deshalb muss sich der Konzern mit seinen Beschäftigten auf sozialverträgliche Lösungen einigen. Die Betroffenen sollen in einer Auffanggesellschaft weiter qualifiziert und bevorzugt in die offenen Stellen vermittelt werden. 3300 davon gibt es im Konzern, davon 120 in Berlin.

Auch wenn Siemens die Restrukturierung vorerst selbst in die Hand nimmt: Ziel bleibt es, SEN zu verkaufen. Möglich sei, dass Siemens die Telefonsparte in einer Übergangsphase als Gemeinschaftsunternehmen mit einem Käufer führe, sagte Kaeser. „Wir gehen aber davon aus, dass wir uns in absehbarer Zeit aus diesem Geschäft zurückziehen.“ Zu den Kaufinteressenten zählen dem Vernehmen nach Alcatel-Lucent, Nortel und der Finanzinvestor Cerberus.

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