Wirtschaft : SAP als Leitstern für die Branche

SIEGFRIED HOFMANN

Aber der Erfolg der Walldorfer wird sich in der deutschen Software-Industrie kaum wiederholenVON SIEGFRIED HOFMANNIm globalen Geschäft mit Personal Computern und Großrechnern ist die deutsche Industrie nahezu bedeutungslos.Etwas günstiger dagegen erscheint die Ausgangsposition in der Softwareproduktion und damit in einem Bereich, dem viele Experten ein besonders starkes, zweistelliges Wachstum prophezeien.Der Anteil von Software und Service an der gesamten Wertschöpfung in der Informationstechnologie (IT) - schon heute bei mehr als 50 Prozent - wird allen Prognosen nach weiter wachsen.Welche Dynamik der Bereich verheißt, zeigen nicht zuletzt Schätzungen, wonach alleine in den USA die Zahl der Arbeitsplätze in der Software-Industrie bis zum Jahr 2006 um eine Mill.auf dann etwa 2,5 Mill.zunehmen wird. Daß auch deutsche Entwickler auf dem Gebiet Spitzenleistungen hervorbringen und auf dem Markt durchsetzen können, beweist in erster Linie der atemberaubende Aufstieg der Walldorfer SAP AG, die mit mittlerweile 13 000 Mitarbeitern und 6 Mrd.DM Umsatz unter die fünf größten unabhängigen Softwarehersteller vorgerückt ist.Bei zahllosen Unternehmen rund um den Globus entwickelten sich die SAP-Systeme zum Rückgrat der betrieblichen Datenverarbeitung.SAP konnte sich damit als einer der wenigen Anbieter etablieren, die global die Standards in diesem Geschäft vorgeben. Mit diesem Erfolg ist die Walldorfer Gruppe in den vergangenen Jahren zu einer Art Leitstern für viele deutsche Softwareunternehmen avanciert.Und tatsächlich sind in ihrem Schatten inzwischen auch eine Reihe kleinerer Nischenanbieter herangewachsen, denen man einen internationalen Erfolg zutraut.Doch all dies berechtigt nach Ansicht der meisten Branchenkenner noch nicht zur Hoffnung auf ein breit angelegtes deutsches Software-Wunder."Aus dem SAP-Erfolg einen Weg für andere Unternehmen abzuleiten, wäre sehr gewagt", urteilt etwa das Marktforschungsunternehmen IDC. Software-Analyst Helmuth Gümbel von Strategy Partners International verweist darauf, daß die Branche nach wie vor von einer Vielzahl von mittelständischen Anbietern geprägt werde, "die eher verträumt vor sich hinarbeiten." Ein ähnlicher Erfolg wie SAP werde wohl kaum einem weiteren deutschen Unternehmen gelingen.Ein halbwegs präzises Urteil über Gewicht und Potential der Branche fällt auch deshalb schwer, weil sie statistisch kaum zu fassen ist.Die Zahl der in Deutschland tätigen Software-Unternehmen wird, je nach Abgrenzung, auf 4000 bis 10 000 geschätzt.Der hiesige IT-Markt ist nach Daten des Fachverbandes Informationstechnologie im VDMA 1997 um sieben Prozent auf etwa 85 Mrd.DM expandiert.Davon entfielen 24 Mrd.DM auf Serviceleistungen und knapp 20 Mrd.DM auf Software, wovon vermutlich jedoch weit mehr als die Hälfte von ausländischen Anbietern bestritten wurde.Auch die von der amtlichen Statistik ausgewiesene Zahl von 206 000 Erwerbstätigen im Bereich Software und IT-Dienstleistungen kann bestenfalls einen groben Hinweis auf die Bedeutung des Sektors geben.Denn nach wie vor wird Software in erheblichem Umfange auch von den Herstellern sowie von den Nutzern der Rechner produziert.Die großen Banken und Versicherungen etwa dürften auch heute noch deutlich mehr Programmierer beschäftigen als die meisten selbständigen Softwarefirmen. Allein die Deutsche Bank zählt konzernweit rund 4000 Mitarbeiter im EDV-Bereich.Und als größter Softwareproduzent überhaupt gilt bekanntlich der amerikanische Großrechner- und PC-Hersteller IBM. Als eigenständige Branche hat sich die Software-Industrie erst im Laufe der 80er Jahre von den Hardware-Herstellern emanzipiert.Kräftigen Schub erhielt sie dabei vom Trend zur Standard-Software, der schließlich auch Unternehmen wie Microsoft, Oracle oder SAP so groß machte.Statt zum Maßanzug greifen Unternehmen mehr und mehr zur Software-Konfektion, die nur noch in bestimmten Parametern an die spezifischen Anforderungen der Firmen angepaßt werden muß.Dieser Prozeß ist bei weitem noch nicht abgeschlossen und wird den Markt wohl noch über Jahre hinaus in Bewegung halten.Fachleute schätzen, daß noch mehr als die Hälfte aller Unternehmen mit selbstgestrickten Systemen arbeitet, die nun jedoch nach und nach durch Standard-Produkte substituiert werden. Mit diesem Schwenk zur Standard-Software eng verbunden ist der Trend zum Outsourcing.Große Unternehmen gehen dazu über, ihre zum Teil umfangreichen Kapazitäten in der Software-Entwicklung auszugliedern und damit als eigenständige Anbieter auf dem Markt zu etablieren.Gesellschaften wie VW Gedas in Berlin oder die zum Deutschen Herold gehörende Bonndata GmbH sind dafür typische Beispiele. Viele etablierte Software-Unternehmen stellen diese Veränderungen vor erhebliche Anpassungsprobleme.Aber sie eröffnen auch vielfältige Chancen.Und Beispiele wie die der Münchner Ixos AG, eines Herstellers von Archivierungs-Software, oder der Frankfurter LHS, die Abrechnungssysteme für Telefongesellschaften entwickelt, zeigen, daß die neu entstehenden Marktnischen von deutschen Herstellern durchaus erfolgreich genutzt werden.Zu den interessanten Erfolgen zählt auch die Hamburger Star Division GmbH, die mit ihrer Büro-Software StarOffice immerhin in einer Domäne von Microsoft Fuß fassen konnte. Mit dem Übergang auf Standard-Produkte müssen viele Softwarehersteller fast automatisch ihre regionale Ausrichtung aufgeben und sich um eine internationale Markterschließung bemühen.Das stellt nicht nur an die Produktentwicklung neue Anforderungen, sondern auch an die Vertriebs-Strategie.Vielen deutschen Softwareherstellern, fürchten externe Analysten der Branche, fehle aber gerade das nötige aggressive Marketing, das vor allem die US-Konkurrenz so auszeichne. Auch finanziell ist eine weitaus größere Ausdauer und Kraft gefordert.Allerdings dürften sich in dieser Hinsicht die Rahmenbedingungen für junge Software-Unternehmen deutlich gebessert haben.

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