Wirtschaft : SAP gewinnt den Kampf um Lego

Nach Pannen mit der nicht ausgereiften Oracle-Software kehrt der Spielzeughersteller zu SAP zurück

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von Neal Boudette

Wohl jedem kommen bei Lego Systems die farbigen Bausteine und spielende Kinder in den Sinn. Doch seit 1999 war das dänische Unternehmen Mittelpunkt einer sehr ernsten Schlacht, ausgetragen zwischen den Software-Giganten SAP und Oracle. Und wenn Lego in naher Zukunft eine neue Betriebs-Software installieren sollte, ist eines sicher: Sie kommt nicht von Oracle. Was das wechselhafte Glück in der Software-Branche angeht, spricht der Erfolg von SAP bei Lego Bände.

Das deutsche Unternehmen mit Sitz in Walldorf ist das weltweit drittgrößte Software-Haus und beherrscht den Mark für Unternehmens-Software. Dank einer riesigen Datenbank-Sparte ist Oracle weltweit die Nummer zwei im globalen Software-Geschäft – nach Marktführer Microsoft. Seit Jahren versucht Oracle, SAP auf dem Gebiet der Anwendungssoftware, zu überholen, einem 41 Milliarden Euro schweren Markt. Eine Zeit lang schien Oracle auf dem richtigen Weg: Als sich SAP schwer tat, Internetlösungen anzubieten, sprang das amerikanische Unternehmen mit eigener Netz-Software in die Lücke und entriss den Walldorfern wichtige Kunden.

Darunter war auch der Spielzeughersteller Lego, der im November 1999 nach jahrelanger Zusammenarbeit mit SAP plötzlich Verträge mit Oracle unterschrieb. Bei Produktion, Verkauf und Vertrieb, sollte das SAP-System durch neue Oracle-Software ersetzt werden. „Ich bin ausgerastet", sagt der damalige Europa-Chef von SAP, Leo Apotheker, über seine Reaktion auf die Schreckensnachricht. Seine Leute in Dänemark sollten der Sache auf den Grund gehen und tatsächlich war einiges schief gelaufen: die SAP-Programme waren zwar gut. Doch auf die Bedürfnisse von Lego hatte man sie nie richtig angepasst. Außerdem schien die neue Oracle-Software 11i genau Legos Vorstellungen zu entsprechen, sagt Soeren Pedersen, Direktor des Bereichs Global Support bei Lego. Der Spielzeugfabrikant hatte in vierzehn europäischen Ländern Vertriebssysteme aufgebaut, die jetzt mit einer neuen Software vernetzt werden sollten. Man versprach sich eine Verschlankung der gesamten Vertriebsstruktur. Oracle hatte noch ein weiteres Argument: der schweizerische Werkzeugmacher Hilti SA, baute gerade ein ähnliches Verkaufssystem auf und hatte sich zu Gunsten von 11i von SAP getrennt.

Oracle nahm sich vor, das Programm in der Hälfte der für solche Projekte üblichen Zeit bei Lego zu installieren. In nur sechs Monaten, bis Juni 2000, würde die Software laufen. „Wenn Oracle das schafft", dachte Leo Apotheker, „haben wir ein Problem". Doch das Oracle-Projekt stand unter keinem guten Stern. Als die Programme an vielen Stellen installiert waren, streikte das System bei elementaren Funktionen. Zum Beispiel konnte Lego mit 11i keine Rechnungen ausdrucken, die den Bestellungen entsprachen. „Das System war nicht ausgereift", sagt Legos geschäftsführender Direktor Paul Ploughman. „Wir fühlten uns wie ein Test-Kunde." Während Oracle-Techniker im Lego-Hauptquartier in Billund fieberhaft nach Lösungen suchten, traf Pedersen den SAP-Beauftragten in einem Nebengebäude des Firmengeländes. Lego wollte 11i fallen lassen, wenn SAP eine Lösung anbieten könnte. In der Zwischenzeit hatte SAP die Internet-Software mySAP.com entwickelt. Als Pedersen auf Einladung von SAP zu Anwendern von mySAP.com reiste, stieß er wieder auf das schweizerische Unternehmen Hilti, das inzwischen von Oracle abgerückt war und wieder bei SAP bestellte. „Das war ein sehr klares Zeichen für uns", sagt Pedersen. Doch Oracle gab sich nicht geschlagen und ließ seinen technischen Leiter Don Klais einfliegen. SAP musste kontern: Leo Apotheker lud Pedersen und Legos Finanzvorstand zum Geschäftsessen in sein Pariser Büro ein und versprach, er persönlich werde das Projekt mit steuern. Auf dem Rückflug stand für die Lego-Manager fest, dass man zu SAP zurückzukehren werde. Der Zeitdruck war groß, doch am 18. Juni des vergangenen Jahres speiste Lego mit dem SAP-Programm die ersten Bestellungen in die Zentralrechner. Nahezu reibungslos wurden nach und nach sämtliche Filialen angeschlossen. Jetzt will Lego auch Zulieferer und Händler mit dem System verbinden und wird sich wohl auch hierbei an SAP halten, sagt Pedersen.

Was bei Lego geschah, scheint typisch. Bislang sind einige große Unternehmen von Oracles 11i auf mySAP.com umgestiegen, darunter Lucent Technologies. Auch bei Ford, wo man Oracle noch vor zwei Jahren als Schlüssel des Erfolgs gepriesen hatte, sind die SAP-Programme jetzt für die Ersatzteil-Verwaltung eingekauft worden. Mit der Rückeroberung von Lego war es im SAP-Hauptquartier nicht getan. Den Erfolg im Rücken, hat man Leo Apotheker nicht nur zum Leiter der Verkaufsabteilung gemacht, sondern auch zum Chef der SAP-Sparte in den USA, Oracles Hausrevier.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Öl), Tina Specht (SAP), Christian Frobenius (Johannesburg), Matthias Petermann (Stahl) und Svenja Weidenfeld (Ford).

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