Wirtschaft : Sauberer Profit

Mit der Rücksichtnahme auf die Umwelt tun sich die Unternehmen schwer – erst wenige denken um

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Von Flora Wisdorff

Die Umsetzung von nachhaltigem Wirtschaften steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen verfolgen kaum Strategien, um ökologisch und sozial zu wirtschaften, wie eine neue Studie des ifo-Instituts aus München zeigt. „Von 6000 befragten Unternehmen orientiert sich nur jedes fünfte an Nachhaltigkeit“, sagt Christian Geßner vom Deutschen Kompetenzzentrum für nachhaltiges Wirtschaften der Universität Witten/Herdecke, das die Umfrage mit dem ifo-Institut zusammen erstellte. Ab einer Größe von 1000 Mitarbeitern behaupten allerdings 65,8 Prozent der Unternehmen, nachhaltigkeitsorientiert zu sein – unter 49 Mitarbeitern sind es nur 13,5 Prozent. „Nachhaltigkeit ist eine Sache der Großen, die vor allem aus Kosten- und Imagegründen immer mehr darauf achten, Energie zu sparen und die Umwelt nicht zu zerstören“, sagt Thomas Loew vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin. Die Kleinen scheuen die Kosten und sind schlecht informiert.

Ab Montag startet der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg. Er soll das 1992 in Rio ausgerufene Konzept weiter bringen. Nachhaltigkeit bedeutet, so mit den Ressourcen der Erde umgehen, dass die folgenden Generationen auch noch etwas davon haben. Die deutsche Bundesregierung wird in Johannesburg weniger vorweisen können als ursprünglich geplant. Einen Vorschlag zu Selbstverpflichtung von Unternehmen, bei Auslandsinvestitionen bestimmte ökologische und soziale Standards zu beachten, machte der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) in letzter Minute zunichte. Der Grund: die Umweltverbände wollten eine Klausel einfügen, die das Ganze als „Zwischenschritt zur staatlichen Regelung“ bezeichnete, erklärt Claudia Wöhler, Referentin für Umweltpolitik beim BDI. „Grundsätzlich sind wir nicht gegen hohe Umweltstandards, nur gegen starre Regeln“.

Hier liegt der springende Punkt, bei dem sich Umweltverbände und Großunternehmen uneinig sind. Während die einen nur aus Eigeninitiative hohe Umwelt- und Sozialstandards einführen wollen, denken die anderen, das könne nur mit Druck funktionieren. Die Umweltlobbyisten geben zu, dass die Wirtschaft seit 1992 Fortschritte macht. „Bei Henkel ist einiges passiert“, sagt Andreas Bernstorff von Greenpeace. Zum Beispiel habe die Firma Waschmittel auch in Polen ohne Phosphate wie in Deutschland produziert – ohne Druck von außen. Schon aus Imagegründen hat Shell nach dem Brent-Spar-Desaster sich in Richtung Ökologie bewegt. Und Unilever hat gerade verkündet, nur noch Fleisch aus umwelt- und tiergerechter Haltung zu verkaufen. Der Otto-Konzern gilt seit Jahrzehnten als vorbildlich in Sachen umweltfreundlicher Produktion .

Experten zufolge kommt der Umwelt-Aktivismus aber nur, wenn damit etwas gespart werden kann. „Wo es teuer wird, tut sich was“, sagt Bernstorff. Wegen des Abfallverbots auf hoher See kostet es, Sondermüll zu entsorgen, also vermeidet man ihn. „Wo sie aus dem Blickfeld geraten, halten sich die Unternehmen zurück – wer merkt schon, ob ich auf meinem Baumwollfeld in Usbekistan mit Herbiziden produziere“, sagt Burkhard Bauske vom World Wide Fund For Nature (WWF). „Vor allem wenn es um die Gesundheit der Verbraucher und eventuelle hohe Schadenersatzforderungen geht, wird auch was getan“, sagt Greenpeace-Aktivist Bernstorff. In einer aktuellen Delphi-Studie schätzen europäische Umweltexperten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft staatliche Regulierungsmaßnahmen als effektivstes Mittel ein, um Nachhaltigkeit zu fördern.

Der Hauptmaßstab für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens sind derzeit die Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte, die vor allem die Großen publizieren. 1989 gab es in Deutschland lediglich drei solcher Berichte, dieses Jahr waren es 230, sagt Thomas Loew vom IÖW. Einheitliche, verbindliche Regeln gibt es allerdings nicht. In Zeiten von Enron und Bilanzfälschungen mag man sich fragen, was die Berichte taugen. „Die Berichte sind von sehr unterschiedlicher Qualität“, sagt Loew. „Um glaubhafter zu sein, lassen Große die Berichte sogar von Wirtschaftsprüfern testieren“ – zum Beispiel VW von der KPMG. Auch hier will die Wirtschaft selbst versuchen, den Standard zu setzen: Die „Global Reporting Initiative“ hat bereits einen Leitlinienkatalog formuliert – nach dem sich zwar schon viele, aber längst nicht alle richten.

Ein noch besserer Test, um das Nachhaltigkeitsprofil eines Unternehmens einzuschätzen, sind Fonds, die nur nachhaltige Unternehmen aufnehmen. Im Auftrag von Investoren testen Institute wie die Münchner Ökom Research Unternehmen nach 200 Kriterien. Bestehen sie, dürfen sie rein in den Fonds. Matthias Bönning von Ökom findet, dass sich die Nachhaltigkeit sehr nach Branchen unterscheidet: die Chemie komme eher gut weg, weil die Öffentlichkeit hier sehr auf die Umweltbilanz achte. Die Banken scheren sich weniger darum, wo sie ihr Geld investieren, sagt er. Die Fonds sind begehrt: Die in Deutschland zugelassenen Fondsvolumina seien in den letzten drei Jahren um 300 Prozent gewachsen. Ob nachhaltige Unternehmen mehr Gewinne machen, ist jedoch noch nicht bewiesen. „Es liegt zumindest keine systematische Underperformance vor.“

Die Ergebnisse der ifo-Studie lassen hoffen, dass sich noch mehr Unternehmen mit Umwelt- und Sozialstandards beschäftigen. 58 Prozent der Firmen gehen jedenfalls davon aus, dass die ökologische und soziale Verantwortung wichtiger wird. Das meint auch Greenpeace-Mann Bernstorff: „In Rio wurde die theoretische Debatte angestoßen – in Johannesburg muss die Praxis folgen.“

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